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  • Walter Gasperi

Was man von hier aus sehen kann


© 2022 Studiocanal GmbH

Ein Glücksfall des deutschen Films: Aron Lehmanns liebevolle Verfilmung von Mariana Lekys Bestseller verzaubert mit schrulligen Figuren, detailreicher Ausstattung und einfallsreicher Inszenierung.


Mariana Lekys 2017 erschienener Roman "Was man von hier aus sehen kann" stand mehr als 60 Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegels und wurde inzwischen in über 20 Sprachen übersetzt. Angesichts dieses Erfolgs konnte eine Verfilmung nicht lange auf sich warten lassen. Oft werden aber aus solchen Vorlagen profillose Retortenfilme, doch mit Aron Lehmann wurde ein Drehbuchautor und Regisseur gefunden, der eine Liebe in dieses Projekt steckte, die ansteckend wirkt und verzaubert.


Von der ersten Szene an zieht Lehmann mit dem Voice-over der 22-jährigen Luise (Luna Wedler), die ihre Oma Selma (Corinna Harfouch) im Heimatdorf im Westerwald besucht, das Publikum in seine wunderbar geschlossene Welt hinein. Mit Luise als Erzählerin können auch die Handlung gerafft und die schrulligen Dorfbewohner:innen von der traurigen Marlies über den heimlich in die Oma verliebten, namenlos bleibenden Optiker (Karl Markovics) bis zu Luises Eltern und dem Eisverkäufer knapp vorgestellt werden.


Dazu bestechen die detailreiche Ausstattung und die kräftigen Farben, die zusammen mit einem Licht, bei dem die Szenen vielfach wie hinter einem Schleier oder einer Staubschicht gefilmt wirken, atmosphärisch dicht eine märchenhaft-nostalgische Welt der 1960er Jahre evozieren. Auch wenn die Handlung in der Folge zwischen der neunjährigen und der 22-jährigen Luise pendelt - also immer wieder Zeitsprünge von 13 Jahren erfolgen -, so scheint diese Welt mit ihren Kostümen, Autos und Häusern doch immer gleich zu bleiben.


So liebevoll aber auch Lehmanns Blick ist, so spart er doch auch Schattenseiten der Figuren nicht aus, wenn der Vater von Luises Kinderfreund Martin als aggressiver Alkoholiker gezeichnet wird, Marlies sich stets grantig und abweisend verhält und sowieso alle Bewohner:innen des Dorfes vor den anderen etwas verheimlichen.


Angst kommt im Dorf immer dann auf, wenn Oma Selma von einem Okapi träumt, denn jedes Mal starb danach jemand. Hielt man das zunächst für Zufall, so nahm man die Sache nach dem dritten Todesfall doch ernst. Und auch Luise scheint über eine spezielle Ausstrahlung zu verfügen, denn immer wenn sie lügt, fällt etwas zu Boden – je größer die Lüge desto größer der Gegenstand, bis schließlich ein ganzes Haus einstürzt.


So geht es wie Luise schon am Beginn erklärt mit Liebe und Tod um die großen Pole des Lebens. Denn heimlich liebt Luises Mutter einen anderen Mann, während der Optiker zwar immer wieder Liebesbriefe an Selma beginnt, diese aber nie zu Ende schreibt. Und zwischen den Polen Tod und Liebe bewegt sich auch Luise, die einen bitteren Verlust erfahren muss, sich aber auch in einen Buddhisten aus Hessen verlieben wird.


Lehmann legt weniger Wert auf einen großen Erzählbogen als vielmehr auf vor Einfallsreichtum sprühende und wunderbar verspielte kleine Szenen, die von tiefer Liebe zu den eigenwilligen und psychisch angeschlagenen Figuren durchzogen sind. Mit visuellem Einfallsreichtum und einer Lust am Makabren wird jeder Anflug von Süßlichkeit und Kitsch verhindert, doch auch einen hinreißend romantischen Moment gönnt Lehmann Luna Wedler, die schon in seinem Teenager-Liebesfilm "Das schönste Mädchen der Welt" die Hauptrolle spielte.


An Jean Pierre Jeunets "Die fabelhafte Welt der Amélie" oder auch an die Filme Wes Andersons erinnert die Liebe fürs Schrullige und die Verspieltheit der Inszenierung, doch nie wirkt das epigonenhaft, sondern strahlt nicht zuletzt durch die Situierung in der deutschen Provinz einen ganz eigenen Reiz aus. Ein magischer Realismus entwickelt sich hier durch die Mischung von realistischem Blick auf das dörfliche Leben und surrealer Verzerrung des Alltäglichen.


Skurrile Typen allein reichen freilich nicht, sondern man braucht auch Schauspieler:innen, die diese überzeugend verkörpern können. Wie Lehmanns Inszenierung so lässt auch das Spiel des von Wedler, Corinna Harfouch als Oma Selma und Karl Markovics als zauderndem Optiker angeführte Ensemble die Liebe zu diesen Figuren spüren, weckt Anteilnahme und berührt: Ein herzerwärmender Wohlfühlfilm, der trotz der dunklen und bitteren Momente vor allem die Menschen und die Liebe feiert und beglückt aus dem Kino entlässt.



Was man von hier aus sehen kann Deutschland 2022 Regie: Aron Lehmann mit: Luna Wedler, Corinna Harfouch, Karl Markovics, Ava Petsch, Benjamin Radjaipour, Cosmo Taut, Peter Schneider, Rosalie Thomass Länge: 103 min.



Läuft derzeit in den Kinos.


Trailer zu "Was man von hier aus sehen kann"





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