• Walter Gasperi

Warten auf Bojangles - En attendant Bojangles


Mit Leidenschaft erzählt Régis Roinsard die Geschichte einer großen Liebe, von Lebensfreude abseits des Alltags, aber auch von Depression und Krankheit. – Getragen wird die mitreißende Achterbahnfahrt der Gefühle von den blendend harmonierenden und mit Verve spielenden Hauptdarsteller*innen Virginie Efira und Romain Duris.


Schon in der ersten Einstellung entwickelt Régis Roinsards Verfilmung von Olivier Bourdeauts 2016 erschienenem Romandebüt Schwung und Dynamik und versprüht Lebensfreude. Nicht entziehen kann man sich der langen Plansequenz, in der Georges (Romain Duris) nach dem Insert "Riviera 1958" durch eine Gartenparty streift. Eingeladen ist er zwar nicht, genießt aber die Cocktails, und unterhält die steife Gesellschaft mit abenteuerlichen Geschichten. Bald erzählt er nämlich, dass er ein Nachfahre Draculas, bald, dass er Produzent von Harpunen für die Fliegenjagd sei.


Mit dem Blick scheint er und mit ihm die Kamera von Guillaume Schiffmann immer auf der Suche nach einer Frau. Als er dann die blonde Camille (Virginie Efira) entdeckt, ist es um ihn geschehen. Mit dem wohlhabenden Charles (Grégory Gadebois) ist sie zwar gekommen, doch dieser hat keine Chance bei ihr. Zwischen ihr und Georges bricht dagegen auf den ersten Blick die Liebe aus.


Leidenschaftlich tanzen sie, verabschieden sich nach einem Sprung ins Meer im Cabrio von der Party. Wie im Kino der 1950er Jahre ist die Fahrt durch die südfranzösische Küstenlandschaft mit Rückprojektionen gefilmt. Märchenhaft wirkt auch, wie sich Georges und Camille, in einer abgelegenen Kapelle zu Mann und Frau erklären und auf dem Altar sogleich die Ehe vollziehen.


Bestens passen sie mit ihrer Lust an der Flucht aus dem Alltag und ihrer Fantasie zusammen. Dass dies freilich auf Dauer nicht gut gehen wird, lässt schon ein Kommentar Charles´ ahnen. Ständig wandle Camille, die immer wieder mit einem anderen Namen angesprochen werden und damit ihre Identität wechseln will, nämlich am Abgrund. Traumatisiert sei sie von ihrer Kindheit. – Nur mit der Erzählung über diese Kindheit fließt die Realität des Nachkriegsfrankreich in den Film ein, davon abgesehen lebt die Familie in der Blase ihrer Fantasiewelt.


Ungetrübt ist dabei vorerst das Glück. Ein Kind wird gezeugt, die Geburt von Sohn Gary, benannt nach dem Hollywood-Star Gary Cooper, neun Monate später ist eine schwere Angelegenheit nicht nur für die Frau. Doch Charles, der zum besten Freund der Familie wird, steht Georges stets zur Seite.


Von Anfang an setzt Roinsard auf Überzeichnung. Nicht realistisch ist sein Film, sondern Gefühlskino "Bigger than Life". Mit einem Schnitt überspringt "En attendant Bojangles" mehrere Jahre und mit dem Insert "Paris 1967" setzt die Haupthandlung ein.


Abgekoppelt vom Alltag lebt die dreiköpfige Familie in ihrer Pariser Wohnung nach dem Motto "Wenn die Realität banal und traurig ist, erfinden wir eine Geschichte". Vorbild für diese Einstellung ist Jerry Jeff Walkers Song "Mr. Bojangles", der sich leitmotivisch durch den Film zieht und hier vom Neuseeländer Marlon Williams gesungen wird. Dass der Song erst 1968, also ein Jahr nach der erzählten Geschichte entstanden ist, kann dabei als weiterer gezielter Realitätsbruch angesehen werden.


Wie der alte Tänzer in diesem Song mit Tanz dem Alltag entflieht, entflieht ihm die Familie mit großen Partys und Tanz. Ausgeblendet wird die Welt, indem man konsequent keine Post öffnet. Einziger Mitbewohner ist der Reiher mit dem Namen Mademoiselle Redundanz. Nicht verwundern kann es, dass Gary in der Schule wegen seiner abenteuerlichen Geschichten gemobbt wird. Kurzerhand nimmt ihn Camille so aus der Schule, erteilt ihm häuslichen Unterricht und auch Georges verkauft die Autowerkstatt, um ganz für die Familie da zu sein.


Doch auf Dauer kann sich die Familie der Realität nicht entziehen. Bald steht nämlich der Gerichtsvollzieher vor der Tür und die manisch-depressiven Stimmungsschwankungen Camilles treten zunehmend deutlicher zu Tage. Wie sie bei einer Party zwischen Lachen und Weinen wechselt und dann in Traurigkeit versinkt, erinnert an Gena Rowlands Zusammenbruch in John Cassavetes´ Klassiker "A Woman Under Influence".


Doch anders als Cassavetes ist Roinsard nicht an einem Porträt einer psychisch Kranken, sondern vor allem an einer Feier einer grenzenlosen Liebe und des Lebens im Spannungsfeld von Glück und Leid interessiert.


Wenn Camille in die Psychiatrie eingeliefert wird, lässt nicht nur mit ihrem Stillstand der Schwung und die Dynamik des Films nach, sondern auch die kräftigen Farben und das Sommerlicht weichen. Kahl sind Gänge und Räume des Krankenhauses, beklemmend und kalt mit ihren blassen Grüntönen.


Dazu kommen Behandlungsmethoden, die Georges seiner Gattin bald nicht mehr zumuten will. Wenn die Familie nach Spanien flieht und, nachdem sie zuvor schon von Luftschlössern geträumt hat, sich in einem Schloss niederlässt, das ihr Charles zur Verfügung stellt, kehren die leuchtenden Farben und die Lebensfreude nochmals zurück. Aber auch hier lassen sich die dunklen Seiten Camilles nicht lange vertreiben.


Unterstützt von den beiden blendend harmonierenden und mit Verve spielenden Hauptdarsteller*innen Virginie Efira und Romain Duris sowie dem trefflich besetzten Grégory Gadebois als Charles und dem etwa 10-jährigen Solan Machado Graner in seiner ersten Filmrolle als Sohn Gary entwickelt Régis Roinsard eine mitreißende Achterbahnfahrt der Gefühle. Leidenschaftlich feiert er eine große Liebe und ein vom Alltag befreites lustvolles Leben, spart aber auch die dunklen Seiten nicht aus und entlässt trotz aller Tragik und Bitterkeit die Zuschauer*innen beglückt aus dem Kino.



En attendant Bojangles - Warten auf Bojangles Frankreich / Belgien 2021 Regie: Régis Roinsard mit: Romain Duris, Virginie Efira, Grégory Gadebois, Solan Machado Graner, Elisa Maillot Länge: 124 min.

Wird vom FKC Dornbirn am Mittwoch, den 9.11. um 18 Uhr und am Donnerstag, den 10.11. um 19.30 Uhr im Cinema Dornbirn gezeigt (franz. O.m.U.)


Trailer zu "En attendant Bojangles - Warten auf Bojangles"