• Walter Gasperi

Vox Lux


Brady Corbets Spielfilm über den Aufstieg einer Sängerin zur Pop-Diva ging im Kino unter, ist aber dennoch einer der aufregendsten Filme des letzten Jahres. Bei Koch Media ist das schillernde Drama, das auch den Zusammenhang von Gesellschaft und Entertainment und den Wandel der Popkultur reflektiert, auf DVD und Blu-ray erschienen.


Über rund 30 Jahre spannt Brady Corbet die Handlung seines zweiten Spielfilms, bietet mit fingierten Home-Movies, die von einem – im Original von Willem Dafoe gesprochenen – allwissenden Erzähler kommentiert werden, kurz Einblick in die Kindheit der in den 1980er Jahren geborenen Celeste. Schon in der Bedeutung dieses Namens ("Die Himmlische") sieht der Erzähler dabei einen Vorverweis auf ihren grandiosen Aufstieg.


Mit einem Schnitt überspringt Corbet zehn Jahre und versetzt den Zuschauer in den Schulbeginn 1999, der abrupt durch den Amoklauf eines Jugendlichen, bei dem nicht nur die Lehrerin sondern auch mehrere Schüler getötet werden und die 14-jährige Celeste (Raffey Cassidy) schwer verletzt wird, unterbrochen wird. Erst danach setzt zur Fahrt von Polizei- und Krankenwagen durch die ländliche Winterlandschaft im Großraum New York nicht der Vorspann, sondern der Abspann ein.


Das Ende ist der Beginn von Celestes Karriere, denn auf ihre mühsame Rehabilitation folgt ihr erster öffentlicher Auftritt bei einem Gedenkgottesdienst für die Opfer des Massakers. Wie hier ihre ältere Schwester Eleonore (Stacy Martin), mit der sie den Songtext schrieb, im Hintergrund bleibt, so wird sie auch im Folgenden Celeste den Vortritt überlassen, aber sich immer um sie kümmern.


Über Handyfilme wird der Auftritt verbreitet, im persönlichen Lied spiegelt sich laut Erzähler das Gefühl der ganzen Nation und von der Provinz geht es für den Teenager nach New York, wo sie ein Musikproduzent (Jude Law) und eine Marketing-Expertin unter ihre Fittiche nehmen.


In Kapitel mit Zeitinserts und Titeln hat Corbet "Vox Lux" gegliedert. Abrupt bricht der Abschnitt "Genesis" des kühl-stilisierten und von Kameramann Lol Crawley in kalte und schmutzige Bilder getauchten Film, zu dem die Sängerin Sia die Songs schrieb, 2001 mit der Erwähnung des Anschlags von 9/11 ab und setzt 2017 mit dem Insert "Regenesis" neu ein.


Ein Weltstar ist Celeste (Natalie Portman) nun als gut 31-Jährige, doch kaum mehr erträglich für ihre nächste Umwelt mit ihren extremen emotionalen Schwankungen. Ihre Tochter Albertine, die inzwischen auch 14 Jahre alt ist und wie die junge Celeste von Raffey Cassidy gespielt wird, hat kaum eine Beziehung zu ihrer Mutter und wurde von Celestes Schwester groß gezogen und der Erzähler erinnert daran, dass in den ausgesparten Jahren Drogenexzesse und ein Autounfall liegen. – Auf der Bühne ist sie aber ein Star und reißt im "Finale" betitelten letzten Kapitel mit ihrer Show das begeisterte Publikum mit.


Aufregend ist "Vox Lux" nicht nur durch seinen großen Drive und das lustvolle – aber auch etwas zu exzessive – Spiel mit filmischen Mitteln wie Kapitelgliederung, Off-Erzähler, Zeitlupe und Zeitraffer sowie langen Plansequenzen, sondern auch durch seine inhaltliche Vielschichtigkeit.


Da wird für einmal keine klassische Erfolgsstory erzählt, sondern einerseits, wie der nette Teenager durch den Ruhm sich selbst verliert, vor allem aber, wie Gesellschaft und Popkultur sich gegenseitig beeinflussen. Während sich in ihrem ersten persönlichen Song noch der Schmerz ausdrückt, den der Amoklauf an der Schule hinterließ, werden später Attentäter am anderen Ende der Welt einen ihrer Hits in ihren Anschlag einbauen. So zeichnet Corbet auch den Weg zur Globalisierung der Popkultur nach und den Weg zur totalen medialen Inszenierung und zu Kunstfiguren wie Katy Perry oder Lady Gaga.


An Sprachversionen bieten die bei Koch Media erschienenen DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras umfassen kurze Interviews mit Brady Corbet und Hauptdarstellerin Natalie Portman sowie den Kinotrailer und eine Bildergalerie.


Trailer zu "Vox Lux"