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Filmbuch: Von HARRIET zu QUEEN & SLIM – Afroamerikanische Regisseurinnen und ihre neuen Bildwelten

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 18. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit
Von HARRIET zu QUEEN & Slim: Intensiver Blick auf die Filme aktueller afroamerikanischer Regisseurinnen
Von HARRIET zu QUEEN & Slim: Intensiver Blick auf die Filme aktueller afroamerikanischer Regisseurinnen

Karen A. Ritzenhoff stellt ausführlich das Schaffen aktueller afroamerikanischer Filmemacherinnen vor und reflektiert auch, wie die darin geschilderten Errungenschaften im Kampf um die Bürgerrechte unter Donald Trumps zweiter Amtszeit wieder zurückgenommen werden.


Ausgehend von ihren eigenen US-Erfahrungen bietet Karen A. Ritzenhoff zunächst sowohl Einblick in die aktuellen reaktionären Entwicklungen in den USA als auch in die bis in die 2010er Jahre währende marginale Rolle von Afroamerikaner:innen in Hollywood. Prägnant zeichnet die Autorin die Geschichte des afroamerikanischen Kinos vom Stummfilmpionier Oscar Micheaux bis zu Julie Dashs "Daughter in the Dust" (1991) nach und arbeitet auch die realen Bezüge von Spike Lees "BlackKlansman" (2018) zu rassistischen Übergriffen und Aktivitäten des KuKluxKlan heraus.


Auf diese Einleitung folgen vier Kapitel, in denen ausführlich das Schaffen der Afroamerikanerinnen Melina Matsoukas, Ava DuVernay, Nia DaCosta und Kasi Lemmons vorgestellt wird. Detailliert zeichnet Ritzenhoff den Inhalt der einzelnen Filme nach und arbeitet heraus, wie die Narration durch die visuelle Gestaltung unterstützt wird. Vielschichtig wird so nicht nur Melina Matsoukas Roadmovie "Queen & Slim" (2019) analysiert, sondern auch deren Video zu Beyonces "Formation" (2016), das in Bezug zu Julie Dashs "Daughter in the Dust" gestellt wird.


Eindrücklich arbeitet Ritzenhoff nicht nur bei diesen Filmen die Rolle der Polizeigewalt heraus, zeigt aber auch anhand des Videos "Formation" ebenso wie an Kasi Lemmons "Harriet – Weg in die Freiheit" (2019), dass diese Filmemacherinnen nicht die Unterdrückung, sondern die Stärke und den Widerstandswillen afroamerikanischer Frauen ins Zentrum stellen.


Beim Werk von Ava DuVernay, bei dem seltsamerweise der neueste Film "Origin" (2023) zuerst vorgestellt wird, bietet die Autorin wiederum mit detaillierter Beschreibung des Inhalts von "Origin" Einblick, wie mittels Parallelmontage nicht nur persönliche und öffentliche Trauer, sondern auch Diskriminierung in den USA, im Dritten Reich sowie im indischen Kastenwesen miteinander verknüpft werden.


Ausführlich vorgestellt werden aber auch DuVernays Dokumentarfilm "13th" (2016), der sich ausgehend vom überproportionalen Anteil an afroamerikanischen Gefängnisinsassen zu einem Crashkurs zur 150-jährigen Geschichte des US-Rassismus weitet, sowie die Netflix-Miniserie "When They See Us" (2019), die die Geschichte von fünf afroamerikanischen Jugendlichen nachzeichnet, die 1989 einer Vergewaltigung im Central Park beschuldigt und verurteilt wurden und erst 2002 entlassen wurden, als der wahre Täter gefunden und überführt wurde.


Nicht fehlen darf auch "Selma" (2014), der vom Kampf ums Wahlrecht in den 1960er Jahren erzählt, und bei dem Ritzenhoff auch wieder auf die Rückschritte durch Donald Trump und seine MAGA-Bewegung hinweist.


Während Nia DaCostas Marvel-Film "The Marvels" vor allem mit Ryan Cooglers "Black Panther" und "Wakanda Forever" verglichen wird und auch die Schwächen von DaCostas Film aufgezeigt werden, werden bei ihrem Horrorfilm "Candyman" (2021) wiederum die Rolle von Polizeigewalt gegenüber Afroamerikaner:innen, aber auch die lebenslangen Schuldgefühle eines Afroamerikaners und die Gentrifizierung Chicagos herausgearbeitet.


Kürzer gehalten sind die Abschnitte über Halle Berry, die in ihrem Regiedebüt "Bruised" (2020) von einer alternden afroamerikanischen Mutter und Martial-Arts-Kämpferin erzählt, und über Regina King, die in "One Night in Miami" (2020) Malcolm X, Muhammad Ali, den Musiker Sam Cooke und den Footballspieler Jim Brown in einer fiktiven Begegnung über die Verantwortung als afroamerikanische Berühmtheiten diskutieren lässt.


Spannend ist auch der Beitrag über Chinonye Chukwa, die im Gefängnis- und Todesstrafenfilm "Clemency" (2019) nicht so sehr auf einem jungen, zum Tode verurteilten Afroamerikaner fokussiert als vielmehr auf der afroamerikanischen Gefängnisdirektorin, die an der pflichtbewussten Einhaltung ihrer Aufgaben zu zerbrechen droht. Erschütternden Einblick in den Rassismus bietet dagegen wiederum der Abschnitt über "Till" (2022), in dem Chukwa vom Lynchmord am 14-jährigen Afroamerikaner Emmett Till in den 1950er Jahren erzählt.


Durchgängig wird die Darstellung hervorragend durch zahlreiche Filmstills unterstützt, gleichzeitig ist aber auch nicht zu übersehen, dass Ritzenhoff sich vielfach auf sehr detaillierte und teilweise auch redundante Nachzeichnungen des Inhalts beschränkt und beim Blick auf die Bildsprache die Bedeutung weiterer Mitarbeiter:innen wie Kameramänner/frauen und Editor:innen unbeachtet lässt.


Nicht einsichtig ist auch, wieso einige Zitate in Englisch gehalten sind, andere wiederum ins Deutsche übersetzt werden (z.B. S. 146f.) und Zitate aus Filmen teilweise in Englisch mit Übersetzung in einer Fußnote, teilweise in Deutsch wiedergegeben werden (S. 191f) oder aber der englische Text unübersetzt bleibt (S. 196).


Trotz dieser kleinen Schwächen ist Ritzenhoff aber zweifellos ein wichtiges Buch gelungen, das durch eine ausführliche sechsseitige Bibliographie, ein Filmregister und ein Sach/Personenregister abgerundet wird. Einerseits rückt die Autorin nämlich das teilweise wenig bekannte Schaffen aktueller afroamerikanischer Filmemacherinnen ins Licht und zeichnet andererseits mittels der detaillierten Filmbeschreibungen sowohl ein eindrückliches Bild des US-Rassismus und der Polizeigewalt als auch des afroamerikanischen Selbstbewusstseins und der Erfolge der Bürgerrechtsbewegung.


Mit der Rückbindung an die Gegenwart wird dabei auch immer wieder beunruhigend aufgezeigt, wie durch die reaktionäre Präsidentschaft Donald Trupms Errungenschaften der letzten 60 Jahre wieder rückgängig gemacht, afroamerikanische Geschichte umgeschrieben, Festtage verboten und Diskriminierung sowie Rassismus gefördert statt abgebaut werden.  

 

Karen A. Ritzenhoff, Von "Harriet" zu "Queen & Slim". Afroamerikanische Regisseurinnen und ihre neuen Bilderwelten, Marburger Schriften zur Medienforschung 94, Schüren Verlag, Marburg 2025, 316 S., € 34, ISBN 978-3-7410-0422-3 (e-Book: € 26,99)

 

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