• Walter Gasperi

Von Franco zum Flamenco: Carlos Saura wird 90


Carlos Saura (geb. 4.1. 1932)

In den 1970er Jahren wurde Carlos Saura mit Parabeln, die versteckt bissige Kritik am Franco-Regime übten, international bekannt, in den 1980er Jahren landete er mit dem Tanzfilm "Carmen" einen Welterfolg. Am 4. Januar feiert der Spanier, der stets weiter Filme drehte, die aber in den letzten Jahrzehnten nur noch selten den Weg in die Kinos des deutschsprachigen Raums fanden, seinen 90. Geburtstag.


Spanien – seine Gesellschaft, seine Geschichte und seine Kultur – kann man als zentrales Thema des filmischen Schaffens des am 4. Januar 1932 in Huesca als Sohn eines Finanzexperten und einer Konzertpianistin geborenen Carlos Saura ansehen.


Einen Namen machte er sich nach seinem Studium an der Madrider Filmhochschule Instituo de Investigaciones y Experiencias Cinematograficas als Gesellschaftskritiker. Schon mit seinem Langfilmdebüt "Los golfos" ("Die Straßenjungen", 1958), in dem er in neorealistischem Stil von halbkriminellen Jugendlichen erzählte, wurde er zum Filmfestival nach Cannes eingeladen. 22 Jahre später griff er das Thema in "Deprisa, deprisa" (Los, Tempo!", 1980) wieder auf und gewann mit dem semidokumentarischen und mit Laien besetzten Spielfilm über Madrider Jugendliche, die brutale Raubüberfälle verüben, 1981 bei der Berlinale den Golden Bären.


In Berlin war Saura schon 1966 für "La caza" ("Die Jagd") mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet worden. Darin fand er in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft des Franco-Regimes zu dem Thema, das sein Schaffen für gut zehn Jahre bestimmte. Am Beispiel von vier Männern, die bald nicht mehr auf Kaninchen Jagd machen, sondern aufeinander losgehen, kommentierte Saura die selbstzerstörerischen Neigungen des spanischen Bürgertums.


Auch in dem folgenden "Peppermint Frappé" (1967) analysierte Saura anhand eines tödlich endenden Dreiecksverhältnisses zwischen einem Arzt und einem befreundeten Ehepaar gleichnishaft die Situation des Großbürgertums im Spanien der Franco-Ära. Verdeckt musste allerdings in Zeiten der faschistischen Diktatur die Kritik immer geübt werden, um der Zensur zu entgehen.


Nachdem schon "Los Golfos" erst zwei Jahre nach der Uraufführung in Cannes und in geschnittener Version in Spanien gezeigt wurde, wurde auch die groteske Farce "El jardin de las delicisas" ("Der Garten der Lüste", 1970) erst nach sieben Monaten und nach Schnittauflagen freigegeben. Zu deutlich war im Niedergang eines tyrannischen Familienpatriarchen eine Anspielung auf Franco zu erkennen.


Zentrale Mitarbeiterin Sauras von 1967 bis 1979 war seine damalige Frau Geraldine Chaplin, die in neun seiner Filme als Schauspielerin mitwirkte. So spielte sie in "Ana y los lobos" ("Anna und die Wölfe" 1973) ein englisches Kindermädchen, das in einer wohlhabenden spanischen Familie durch die drei erwachsenen Söhne mit Bourgeoisie, Kirche und Militär als den drei Stützen der repressiven frankistischen Gesellschaft konfrontiert wird. Einen großen Erfolg, auch beim Publikum, landete der Spanier 1976 mit "Cria Cuervos" ("Züchte Raben"), in dem er in der Schilderung einer erstarrten Madrider Patrizierfamilie die zerfallende spanische Gesellschaft spiegelte.


Erwartete man nach Francos Tod am 20. November 1975 und dem Wegfall der Zensur offen politische Filme von Saura, so enttäuschte der renommierte Regisseur diese Erwartung und entwickelte sich in eine andere Richtung. Seine zentralen Filme der 1980er Jahre bestimmte nämlich der spanische Nationaltanz Flamenco, dessen Bedeutung und Kraft er jenseits des Folkloristischen vermitteln wollte. Pures Kino bietet so "Bodas de Sangre" ("Bluthochzeit", 1981), in der nach Lorcas gleichnamiger Tragödie ein Tanzstück einstudiert wird und sich Bild, Tanz und Musik zu einem Gesamtkunstwerk fügen.


Ein Welterfolg gelang ihm mit "Carmen" (1983), in dem die Grenzen zwischen der Inszenierung einer Flamenco-Version von Bizets Oper und der Realität zunehmend verschwimmen. Rivalitäten der Figuren im Stück und reale Konflikte zwischen den Tänzerinnen und Eifersucht des Choreografen gehen fließend und untrennbar ineinander über. Weniger erfolgreich war "El amor brujo" ("Liebeszauber", 1986), mit dem diese Flamenco-Trilogie abgeschlossen wurde.


In den 1990er und 2000er Jahren ließ Saura dieser Trilogie mit "Flamenco" (1995), "Tango" (1998) und "Fados" (2007) eine weitere Trilogie über moderne städtische Musikstile folgen. Mit "Maratón" (1992) zeichnete er aber auch für den offiziellen Film zu den Olympischen Sommerspielen in Barcelona verantwortlich und drehte mit "Goya en Burdeos" ("Goya", 1999) auch einen historischen Film.


Schon zehn Jahre zuvor hatte er sich freilich mit der Großproduktion "El Dorado" (1988), in der er von der spanischen Suche nach dem sagenhaften südamerikanischen Goldland erzählte, und "La noche oscura" (1989), in dem er sich dem Mystiker Johannes vom Kreuz widmete, diesem Genre zugewandt. Aber auch aktuelle Themen griff er weiterhin auf, wenn er im Thriller "Taxi" (1996) Fremdenhass und Neofaschismus anprangerte und vor dem Erstarken der neuen Rechten warnte.


Aber auch Flops können bei einem so umfangreichen und vielfältigen Werk – die IMDB listet inklusive der Kurzfilme 51 Titel auf – nicht fehlen. Als völlig misslungen gilt so "Bunuel y la mesa del rey Salomón" (2002), in dem Saura Luis Bunuel, Salvador Dalí und Federico Garcia Lorca aufeinandertreffen lässt.


Aber egal ob aktuelle gesellschaftskritische Filme, Historienfilme oder Tanzfilme, so verbindet doch die Fokussierung auf spanischen Themen die Filme Sauras. Dies zeigt sich auch in der "Iberia" (2005) betitelten musikalischen Reise durch verschiedene Regionen Spaniens und der erneuten Hinwendung zum spanischen Nationaltanz im Dokumentarfilm "Flamenco, Flamenco" (2010) und "Jota – mehr als Flamenco" (2018), in dem Einblick in die enorme Vielfalt und den Facettenreichtum der aus Aragonien stammenden Tanzkultur der Jota vermittelt wird.


Unermüdlich arbeitet der Jubilar auch im hohen Alter weiter, hat 2021 mit "El rey de todo el mundo" ein Musicaldrama fertiggestellt und bereitet derzeit einen Dokumentarfilm mit dem Titel "Les origines del arte" vor.


Ausschnitt aus "Carmen"