• Walter Gasperi

Vom Gießen des Zitronenbaums - It Must Be Heaven


Von seiner Heimatstadt Nazareth bricht der Palästinenser Elia Suleiman nach Paris und New York auf, um eine neue Heimat in der angeblich freien Welt zu finden, entdeckt aber nicht nur Skurriles, sondern auch Beunruhigendes. – Eine knochentrockene Komödie über die Absurditäten der heutigen Welt.


Elia Suleiman nimmt sich für jeden Film viel Zeit. 2001 gelang ihm mit „Göttliche Intervention“ der internationale Durchbruch, 2009 folgte „The Time That Remains“. Dann wurde es wieder ruhig um den Palästinenser, einzig eine Episode für den Omnibusfilm „Sieben Tage in Havanna“ drehte er 2012, bis er 2019 in Cannes mit „Vom Gießen des Zitronenbaums“ seinen vierten Spielfilm präsentierte.


Immer spielt der 60-Jährige dabei nicht nur selbst die Hauptrolle, sondern im Zentrum steht immer auch die Auseinandersetzung mit seiner Heimat Palästina. Kein Akteur ist Suleiman dabei, der sich selbst spielt und in zwei Szenen auch seine Arbeit als Filmemacher ins Spiel bringt, sondern vielmehr meist stummer Beobachter. Ganz in der Nachfolge von Buster Keaton steht er mit seinem versteinerten Gesicht, knüpft in der Arbeit mit vorwiegend statischen Einstellungen und der daraus resultierenden stoischen Erzählweise sowie dem genauen Blick auf Alltägliches aber auch an die Filme Jacques Tatis an.


Aus einzelnen, wie an einer Perlenkette aufgereihten Szenen, die einzig durch die Person Suleimans zusammengehalten werden, ergibt sich so die Handlung von „Vom Gießen des Zitronenbaums“. Keinen auf einen Höhepunkt ausgerichteten dramaturgischen Aufbau gibt es, sondern isoliert stehen die einzelnen Szenen in der elliptischen Erzählweise vielfach nebeneinander.


Wie eine Festung wirkt der Betonblock, in dem er in Nazareth wohnt, muss aber gleichwohl mitansehen, wie sich ein Nachbar bald in seinem Garten an den Zitronenbäumen bedient, bald die Bäume ohne Erlaubnis zuschneidet. Auch eine Schlägerbande, die durch die Straßen zieht, oder eine Restaurantszene, in der zwei streng religiöse Brüder dem Koch Vorwürfe machen, weil er ihrer Schwester Weinsauce serviert hat, dann sich aber gern als Entschädigung ihr Glas nochmals mit Alkoholischem füllen lassen, vermitteln ein wenig erfreuliches Bild von den Zuständen in Suleimans Heimat.


Wie in diesen ersten Szenen wird der ganze Film vom Blickwechsel bestimmt: Frontal blickt die Kamera immer wieder auf das müde wirkende und kaum Emotionen zeigende Gesicht Suleimans, um dann im Gegenschuss zu zeigen, was er sieht. Sorgfältig kadriert sind diese meist statischen Einstellungen, oft ist der Bildaufbau symmetrisch. Suleiman selbst wird nur ganz am Ende einmal aktiv, wenn er am Flughafen seine Kunstfertigkeit im Umgang mit einem Stock des Sicherheitspersonals demonstriert, bleibt davon abgesehen aber scheinbar teilnahmsloser Beobachter.


Wenig erfreut über die Nachbarn packt Suleiman bald seine Koffer und fliegt nach Paris. Nicht sattsehen kann er sich hier vom Vorplatz eines Cafés aus an den modisch gekleideten Frauen mit kurzen Röcken oder High-Heels oder auch lesbischen Paaren. Zeitlupe intensiviert noch den Blick, dessen Voyeurismus wohl mehr der Voyeurismus der Figur und nicht so sehr der des Regisseurs ist.


Wenn dazu Screamin Jay Hawkins „I Put a Spell on You“ den musikalischen Kommentar liefert, darf man auch an Jim Jarmuschs „Stranger than Paradise“ denken, in dessen Nachfolge Suleiman sich auch sieht. In scharfem Kontrast stehen diese Bilder zu einer Szene kurz davor, in der in seiner Heimat eine Frau in einem Zitronenhain trainierte, einen Krug auf ihrem Kopf zu tragen.


Doch das Bild dieser Freiheit wird bald getrübt, wenn eine afrikanische Reinigungskraft im Modegeschäft gegenüber von Suleimans Hotelzimmer den Bildschirm, auf dem Videos von Models auf dem Catwalk laufen, abwischt. Auch in Paris können nicht alle die Freiheit genießen und Afrikaner sind es hier auch, die als Müllmänner mit Dosen spielen, während Bedürftige an der Straße ausgespeist, ein Obdachloser von einer Ambulanz versorgt werden muss.


Wirklich beunruhigend wirken aber passierende Panzer, auch wenn sich dies als Teil der Parade zum Französischen Nationalfeiertag entpuppt, aber auch ein tätowierter, schwarz gekleideter Mann in der Metro flößt dem Touristen Suleiman Furcht ein.


Als palästinensischer Filmemacher wird er hier zwar hoch geschätzt, muss aber vom Produzenten erfahren, dass man seinen Film nun doch nicht fördern wolle, da dieser doch überall spielen könne und zu wenig typisch für Palästina sei. Man kann in dieser Szene auch eine Erklärung dafür sehen, wieso zwischen den einzelnen Filmen Suleimans so viel Zeit liegt. Sicherlich nicht leicht ist es nämlich Produzenten für solche fast stummen Komödien zu finden.


Mit einem Blick in den Himmel und auf Kondensstreifen von Flugzeugen geht es so weiter nach New York, wo eine Taxiszene Assoziationen an Jarmuschs „Night on Earth“ weckt. Das ist auch nach über eine Stunde der einzige Moment, in dem Suleiman kurz spricht und dem schwarzen Fahrer erklärt, dass er Palästinenser sei.


Bald aber stößt der Reisende auch hier auf Beunruhigendes, wenn er zunächst in einem Gemischtwarenladen einen Mann mit Messer, bald eine Frau mit Jagdgewehr, dann einen Kunden mit Maschinenpistole entdeckt und beim Verlassen des Geschäfts erkennen muss, dass praktisch alle schwer bewaffnet sind. Auch mit der Freiheit scheint es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht weit her, wenn im Central Park eine Frau mit weißen Engelsflügeln bald von einem Großaufgebot an Polizisten verfolgt wird, weil sie sich die Flagge Palästinas umgebunden und „Free Palastine“ auf den Bauch geschrieben hat.


Elliptisch reiht Suleiman Szenen aneinander, erst etwas später ergeben sich dabei teilweise Zusammenhänge. In dieser Szenenfolge deckt der Palästinenser aber meisterhaft mit trocken-distanziertem Blick die Absurditäten der westlichen Welt auf, macht sichtbar, dass der Himmel eben auf Erden nicht zu finden ist. Nicht zufällig heißt hier dann auch eine Pariser Buchhandlung, vor der eine Szene spielt, „L´Humaine Comédie“.


Erst über die Fremde findet er so zu seiner Heimat zurück, in der zu seiner großen Überraschung ein kleiner Zitronenbaum in seinem Garten während seiner Abwesenheit von seinen Nachbarn bestens gepflegt wurde und prächtig gedeiht. Gelassen scheint er die Situation zu nehmen, wenn er am Schluss an der Theke einer Bar sitzt und auf junge Menschen blickt, die im Vordergrund zunehmend ausgelassener und lauter tanzen: Nicht zu viel nachzudenken und das Leben zu genießen scheint diese Schlusseinstellung aufzufordern.


Wird vom 17.1. bis 23.1. vom TaSKino Feldkirch im Kino Rio und am 2.2. im Gasthof Jöslar in Andelsbuch gezeigt.


Trailer zu "Vom Gießen des Zitronenbaums - It Must Be Heaven"