• Walter Gasperi

True Mothers


Anhand einer 14-Jährigen, die ihr Kind zur Adoption freigibt, und eines Ehepaars, das sich den Kinderwunsch mit der Adoption dieses Kindes erfüllt, spürt Naomi Kawase feinfühlig und differenziert Fragen der Mutterschaft nach. – Ein bildschönes, ebenso zartes wie berührendes, leises Drama.


Das weibliche Pendant zu Hirokazu Kore-eda kann man in der 1969 geborenen Naomi Kawase ("An - Von Kirschblüten und roten Bohnen") sehen. Beide blicken immer wieder mit viel Feingefühl und in perfekter Bildsprache auf japanische Familien und ihre Bruchstellen. Auch die Sanftheit ihrer Erzählweise und der empathische Blick auf die Protagonist*innen verbindet sie. Kawase stellt dabei freilich im Gegensatz zu Kore-eda meistens die weiblichen Charaktere ins Zentrum.


In ihrer Verfilmung des 2015 erschienenen Romans der Krimiautorin Mizuki Tsujimura hat ein Ehepaar aus dem Mittelstand mit der Adoption eines Babys sein Familienglück verwirklicht. Fünf Jahre ist Asato inzwischen alt, geht in den Kindergarten und soll bald in die Schule wechseln, doch dann bricht mit einem Anruf der leiblichen Mutter Hikari die Vergangenheit herein.


In zwei langen Rückblenden erzählt Kawase so einerseits vom Kinderwunsch des Paares, von der Belastung durch die Unfruchtbarkeit des Mannes, die zum Entschluss einer Adoption führt, und andererseits von der 14-jährigen Hikari, die sich in einen Mitschüler verliebt und bald ungewollt schwanger wird. Wenn hier die Eltern das Kommando übernehmen, Hikaris Schwangerschaft nach Außen als Krankheit tarnen und sie zur Freigabe des Kindes zwingen, um ihre schulischen und beruflichen Chancen nicht zu gefährden, bietet Kawase auch einen präzisen Einblick in japanische Denkweisen und Wertvorstellungen.


Ganz nah ist die Kamera zumeist an den Gesichtern und lässt tief in die Empfindungen der großartig besetzten Charaktere eintauchen, gleichzeitig bettet Kawase das Geschehen mit Totalen der Skyline einer Großstadt in einen gesellschaftlichen Raum ein. Hektisch oder dramatisch wird "True Mothers" dabei aber kaum einmal, sondern evoziert mit wiederkehrenden Naturbildern vom Meer oder von im Wind rauschenden Bäumen poetische Momente.


So zurückhaltend und höflich, wie sich die Figuren meist begegnen, ist auch Kawases Inszenierung. Keinen grellen Ton gibt es hier, in gedeckte und ebenso weiche wie warme Farben ist das sanfte Drama getaucht. In dieser Versöhnlichkeit und Glätte sowie dem Streben nach schönen Bildern wandelt "True Mothers" zwar manchmal auch nah am Kitsch, doch immer sind im empathischen und zärtlichen Blick auf die Figuren tiefe Anteilnahme und Mitgefühl spürbar.


Bestechend ist auch, wie die Frage nach der Mutterschaft sukzessive geweitet wird. Denn da steht nicht nur dem Paar, das sich mit der Adoption den Kinderwunsch erfüllt hat, die jugendliche leibliche Mutter gegenüber, sondern es kommt schließlich auch die Chefin der Adoptionsagentur ins Spiel, die sich als Ersatzmutter der Frauen sieht, die sie bis zur Geburt ihrer Kinder begleitet hat, sowie eine junge Frau, die von ihrer Mutter früh verlassen wurde und dadurch den Halt verloren hat.


In der kunstvollen Rückblendenstruktur und mit dem Perspektivenwechsel gelingt es Kawase so in ihrem berührenden Drama durch die unterschiedlichen Schicksale differenziert und ohne zu werten unterschiedliche Aspekte der Mutterschaft zu erkunden, aber auch Fragen nach familiärem Glück und Kindeswohl aufzuwerfen.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "True Mothers"