• Walter Gasperi

Toy Story 4: Alles hört auf kein Kommando


Noch einmal setzt sich Cowboy Woody für das Spielzeug seiner Besitzerin ein, macht aber auch eine Entwicklung durch. – Keine Abnützungserscheinungen finden sich bei dieser vierten Fortsetzung, auch diese funktioniert wie eine perfekt geölte Maschine, bietet Spannung und Spaß und lädt die Spielzeugfiguren leichthändig mit menschlichen Gefühlen und Problemen auf.


1995 schuf John Lasseter mit „Toy Story“ den ersten völlig am Computer erstellten Langfilm. Was damals eine Sensation war, ist heute ziemlich alltäglich. Die Spielzeugfiguren Cowboy Woody, Space-Ranger Buzz Lightyear und ihre Kollegen, die damals geschaffen wurden, ließ Lasseter selbst vier Jahre später in „Toy Story 2“ weitere Abenteuer erleben. Elf Jahre später übernahm dann bei „Toy Story 3“ (2010) Leo Unkirch die Regie und ließ am Ende den inzwischen 17-jährigen Andy seine Spielzeugfiguren der kleinen Bonnie schenken.


Mit einer spektakulären Rettungsaktion eines gefährdeten Spielzeugs wirft Josh Cooley den Zuschauer gleich mitten hinein in „Toy Story 4: Alles hört auf kein Kommando“. Woody schafft zwar mit letztem Einsatz das scheinbar Unmögliche, doch währenddessen verschenkt Bonnie die von ihm geliebte Schäferin Porzellinchen an ein anderes Mädchen.


Immer öfter bleibt Woody nun auch unbeachtet im Spielzeugkasten, der Sheriffstern wird – ein Spiel mit heutigen Genderrollen - ihm abgenommen und dem Cowgirl Jessy angeheftet. Dennoch hält er bedingungslos zu Bonnie und versucht, unterstützt von den anderen Spielzeugfiguren, auch das von Bonnie selbst gebastelte Gabelmännchen Forky zu retten, als dieses auf einem Rummelplatz verloren zu gehen droht. Immerhin trifft der Cowboy dort auch wieder auf Porzellinchen …


Es ist die bewährte Machart, auf die Cooley setzt: Souverän hält er die Balance von spektakulärer Action und Witz, punktet mit detailreicher und liebevoller Animation und versteht es vor allem die Spielzeugfiguren mit allzu menschlichen Gefühlen aufzuladen und auch den Sidekicks Profil zu verleihen.


Ansatzweise gruselig wird es dabei sogar in einem Antiquitätenladen. Dass dieser „Das zweite Glück“ heißt, ist freilich kein Zufall, sondern verweist auf ein zentrales Thema des Films. Wie nämlich Bonnie aus Abfall ihren Forky bastelte und ihm so ein zweites Leben gab, hat auch Porzellinchen auf dem Jahrmarkt ein zweites Leben gefunden und auch eine traurige und einsame Puppe, für die sich niemand interessiert und die zunächst als gefährlich und böse erscheint, bekommt durch Woodys Sprachmodul eine zweite Chance.


Aber auch Woody, auf den der Film ganz zugeschnitten ist und dem die anderen Figuren hier zuspielen, lernt sich neu zu orientieren. So bedingungslos seine Loyalität auch gegenüber Bonnie ist, so erkennt er schließlich doch, dass er sich von "seinem Kind Bonnie" abnabeln, seinen eigenen Weg gehen und ein neues Leben beginnen muss.


Ganz selbstverständlich erzählt Cooley so anhand der Spielzeugfiguren von menschlichen Zweifeln und Entwicklungen. Identitätsfragen werden aufgeworfen, wenn sich die zerbrechliche Forky für wertlosen Abfall hält und von Woody erst überzeugt werden muss, dass sie wertvolles Spielzeug sei. Selbstzweifel und die Stärkung des Selbstbewusstseins durch gutes Zureden von Freunden kommen mit der Actionfigur Duke Caboom ins Spiel und durchgängig feiert „Toy Story 4“ natürlich den Einsatz für Schwache und Hilfsbedürftige sowie Loyalität, Freundschaft und Gemeinschaftssinn.

Dass dies einem trotz der Spielzeugfiguren so nahe geht und berührt, beweist das wunderbare Gespür und das Feingefühl von Cooley und seinem Team. – Bis ins Detail perfekt geplant ist „Toy Story 4“ zwar, wird dennoch nie zum kalten Retortenprodukt, sondern strahlt menschliche Wärme und Empathie für die Figuren aus und entlässt den Zuschauer mit der Frage „Warum lebe ich?“ aus dem Kinosaal.


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Trailer zu "Toy Story 4: Alles hört auf kein Kommando"