• Walter Gasperi

Titane


Bodyhorror und Serienkillerfilm, Genderthematik und Mensch-Maschine-Beziehung. – Julia Ducournau bietet mit ihrem Siegerfilm von Cannes provokatives und aufregendes Kino, das freilich auch das Publikum spalten wird.


Im Schnitt nur 1,6 von möglichen vier Sternen erhielt "Titane" bei den Filmfestspielen von Cannes im Kritikerspiegel der britischen Fachzeitschrift Screen International. Wie kein zweiter polarisierte Julia Ducournaus nach "Raw" zweiter Spielfilm und dennoch vergab die von Spike Lee geleitete und mehrheitlich weiblich besetzte Jury an keinen Konsensfilm die Goldene Palme, sondern an dieses aufregende, Grenzen sprengende Werk.


Von Anfang entwickelt "Titane" einen Sog und einen Drive, dem man sich nicht entziehen kann. Mit einer Kamerafahrt über Schläuche und einen Motor mit tropfendem Öl, bei der man durch die Nähe keinen Überblick gewinnt, ist man schon mitten drin in "Titane".


Von diesen Detailaufnahmen schneidet die 38-jährige Französin auf die Autofahrt eines Vaters mit seiner etwa sechsjährigen Tochter. Die Country-Musik aus dem Autoradio versucht das Mädchen mit imitierten Motorengeräuschen zu übertönen. Als der Vater die Musik lauter dreht, beginnt sie ihn mit Tritten gegen den Fahrersitz zu provozieren und führt mit seiner daraus resultierenden Unkonzentriertheit einen Unfall herbei. Beide überleben, doch Alexia wird über dem Ohr eine Titanplatte in den Schädel implantiert.


Mit einem Schnitt werden gut 20 Jahre übersprungen und so hart wie Titan und unfähig zu Gefühlen scheint auch Alexia (Agathe Rousselle), die während des ganzen Films kaum ein Wort spricht, selbst zu sein. Bei Automessen räkelt sie sich zwar lasziv auf den Boliden, scheint mit diesen zu verschmelzen, doch hartnäckige Autogrammjäger weist sie, wenn sie übergriffig werden, nicht nur ab, sondern ersticht sie unvermittelt mit einer Haarnadel.


Während sie sich wohl aufgrund der Platte in ihrem Kopf zu Metall hingezogen fühlt und – im wahrsten Sinn des Wortes - Sex mit einem Auto hat, dessen Folgen sich bald zeigen, enden ebenso wie Kontakte mit Männern auch Annäherungen an Frauen in drastischer Gewalt. Weil bald ein Phantombild von ihr erscheint, wechselt sie ihre Identität und gibt sich als ein vor Jahren verschwundener Junge aus. Als sie dessen Vater (Vincent Lindon), einem Feuerwehrkommandanten, vorgestellt wird, behauptet er, dass dies sein Sohn sei und nimmt sie – oder nun ihn – auf.


So brutal und hart "Titane" beginnt, so zärtlich und berührend wird er mit dieser neuen Vater-Sohn-Beziehung, die in Opposition zur kalten Beziehung zwischen Alexia und ihren Eltern am Beginn steht. Großartig vermittelt Vincent Lindon die nie nachlassende Trauer über das Verschwinden des Sohnes und die Empathie für das nun erwachsene Ersatz-Kind. Auch Alexia, die von Agathe Rousselle mit unglaublichem Körpereinsatz gespielt wird, wandelt sich im neuen Umfeld. Statt zu morden wird sie so in einer unglaublichen Szene mit Herzmassage im Rhythmus von "Macarena" zur Lebensretterin und entwickelt auch eine neue Beziehung zu dem in ihr wachsenden Kind, das sie zunächst abtreiben wollte.


Während sie – und auch ihre Kolleginnen – bei den Automessen gierig begaffte Objekte von Männern war, ist sie nun in der Männerwelt der Feuerwehr als Mann ein gleichberechtigter Kollege. Das Bild von einer harten Männerwelt bricht Ducournau dabei aber, wenn die Feuerwehrleute in einer homoerotischen Szene ähnlich zärtlich wie der Fremdenlegionär in Claire Denis "Beau Travail" tanzt. Gleichzeitig steht dieser Szene aber wieder ein aggressiver Rave gegen Ende gegenüber. Mit dem lasziven Tanz bei der Automesse am Beginn korreliert wiederum gegen Ende ein Tanz auf einem Feuerwehrwagen, bei dem Alexia mit weiblich-erotischen Bewegungen die Männer provoziert.


Wie Alexia ihr Geschlecht wechselt, sind auch die Rollen ständig im Fluss. Mal scheint der Feuerwehrkommandant für seinen "Ziehsohn" zu sorgen, dann wieder umgekehrt, wenn Alexia in unübersehbarer Anspielung auf Michelangelos Pietá den Ohnmächtigen in ihren Armen hält.


Und neben dieser Reflexion über Geschlechter- und Beziehungsrollen bietet dieser wilde Genre-Mix intensivstes Körperkino und Body-Horror à la David Cronenberg. Da geht es nicht nur um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, sondern auch um die Zurichtung des Körpers, denn von der sich räkelnden Model-Frau entwickelt sich Alexia zur geschundenen Kreatur.


Wie den Hochglanzbildern bei der Automesse in grelles weißes Licht getauchte, rohe Bilder, in denen Alexia mit ihrem kahlen Schädel teilweise an Maria Falconetti in Carl Theodor Dreyers legendärem Stummfilm "La passion de Jeanne d´Arc" erinnert, so wird ihr Körper auch zunehmend deformiert. Zum kahlen Schädel kommen Striemen vom Klebeband, mit dem sie ihre schließlich eingefallenen Brüste abbindet, und in ihrem Bauch findet sich ein schwarzes Loch. Übersät von blauen Flecken ist aber auch der Körper des Feuerwehrkommandanten.


Zentrale Rolle spielen dabei auch Körper- und andere Säfte. Denn während sich der über den Verlust seines Sohnes zerbrochene Feuerwehrmann mit Anabolikaspritzen gegen den Verfall seines muskulösen Körpers ankämpft, tropft bei Alexia aus der Brust statt Muttermilch Motoröl, das auch aus der Vagina fließt. An Penetration erinnert dagegen ihr Vorgehen bei den Morden, bei denen sie den Opfern eine Haarnadel ins Ohr steckt, aber auch selbst versucht sie mit dieser Haarnadel ihr Kind abzutreiben.


Schwer verdauliche Szenen wie letztere bietet "Titane" immer wieder wie zum Beispiel die, in der sie sich gezielt die Nase bricht, indem sie sie mit voller Wucht gegen ein Waschbecken schlägt. Vielen wird das zu viel sein, doch inszeniert ist das mit einer Wucht und einer Geschlossenheit, die in Bann ziehen. Mit seinen Bilderfindungen, mit seinem Spiel mit Licht und Farbe und dem Musikeinsatz und nicht zuletzt dank herausragender Schauspieler*innen wird hier großes und aufregendes Kino geboten, das in kein Schema passt, radikal seine eigenen Wege geht und gleichermaßen provoziert wie mitreißt.


Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und ab 14.10. im Skino in Schaan. - ab 4.11. in den österreichischen Kinos Kinothek Lustenau: 9.11., 20 Uhr; 10.11., 18 Uhr; 16.11., 20 Uhr; 17.11., 18 Uhr Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 17.11., 20 Uhr

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: 24.11., 18 Uhr + 25.11., 19.30 Uhr


Trailer zu "Titane"