• Walter Gasperi

They Shall Not Grow Old

Aktualisiert: 5. Okt 2019


Peter Jackson zeichnet mit digital bearbeitetem und eingefärbtem Archivmaterial und Aussagen von Veteranen die Erfahrungen einfacher britischer Soldaten im Ersten Weltkrieg nach. – Ein intensiver, atemloser „Dokumentarfilm“, der den Schrecken des Krieges und den Alltag der Soldaten unmittelbar erfahren lässt.


Darf man historisches Filmmaterial bearbeiten und beispielsweise einfärben? Noch viel mehr als bei Spielfilmen wie „Casablanca“, dessen Kolorierung in den 1980er Jahren durch den Medienmogul Ted Turner Kontroversen auslöste und auch nicht Schule machte, stellt sich diese Frage wohl bei dokumentarischem Material.


Schwarzweiß ist aber nicht nur das Archivmaterial über den Ersten Weltkrieg, sondern auch das meiste über den Zweiten Weltkrieg. Diese farblosen Bilder prägten so sehr unser Bild, dass auch Kriegsfilme über diese Ereignisse bis in die 1960er Jahre vorwiegend in Schwarzweiß gedreht wurden, das zudem angeblich einen schmutzigeren und realistischeren Eindruck vermittelt. – Schwer kann man sich ja auch Filme des italienischen Neorealismus in Farbe vorstellen.


Die meisten Klassiker über den Ersten Weltkrieg wie Lewis Milestones „All Quiet on the Westernfront“ (1930) und Stanley Kubricks „Paths of Glory“ (1957) sind so ebenfalls schwarzweiß wie Spielfilme über den Zweiten Weltkrieg oder den Koreakrieg wie Anthony Manns „Men in War“(1957) , die Großproduktion „The Longest Day“ (1962), Masaki Kobayashis „Barfuß durch die Hölle“ (1959 - 1961), Bernhard Wickis „Die Brücke“ (1959), aber auch Robert Schwendtkes 2017 entstandener „Der Hauptmann“. – Während im gewissen Maße zu diesen Zeiten dem Empfinden nach Schwarzweiß gehört, wird man andererseits beim Vietnam- und späteren Kriegen geprägt durch die mediale Berichterstattung wohl immer an Farbe denken.


Peter Jackson erhielt nun 2014 vom Imperial War Museum mehr als 2000 Stunden Filmmaterial aus der Zeit des Ersten Weltkriegs mit der Frage, ob er daraus einen Film machen könne. Jackson fühlte sich in das Thema persönlich involviert, da sein Großvater, dem er „They Shall Not Grow Old“ auch widmete, von 1910 bis 1919 in der britischen Armee diente.


Mit seinem Team sichtete er das Material, befreite die Aufnahmen nicht nur digital von Kratzern und Verunreinigungen, sondern glättete und schärfte sie auch und konvertierte sie in 3D. Vor allem aber färbte er das schwarzweiße Material ein und kompilierte es zu einem 100-minütigen Film, mit dem er die Erfahrungen der Soldaten von Kriegsausbruch bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918 nachzeichnet.


Vorgegeben ist damit auch die Dramaturgie von Kriegsbegeisterung über zunehmende Ernüchterung und Schock bis zu völliger Erschöpfung. Mehr als über die Bilder wird dabei die Geschichte über die Off-Erzählungen zahlreicher Veteranen des Ersten Weltkriegs, die die BBC in den 1960er und 1970er Jahren machten, erzählt. Die Bildebene hat dagegen vielfach vor allem illustrativen Charakter, lässt aber durch Bildqualität und Kolorierung, aber auch durch die Tonkulisse mit Filmmusik, den Geräuschen von Granateinschlägen und ratternden Panzern den Zuschauer in die Ereignisse eintauchen.


Mehr als Information vermitteln, will Jackson mit seinem immersiven Kino den Zuschauer den Krieg aus der Perspektive des einfachen Soldaten erfahren lassen. Überflüssig wirkt allerdings, dass die – wenigen – stummen Kommentare der Soldaten im Archivmaterial mittels Lippenlesern entziffert und anschließend von Schauspielern eingesprochen wurden.


Sorgt zunächst noch ein kleines quadratisches und schwarzweißes Bild für Distanz, so weitet sich nach etwa 20 Minuten mit Verlegung der Truppen von England an die Westfront nicht nur das Bild zum Cinemascope-Format, sondern es wird auch farbig.


Auf fröhlich marschierende Soldaten am Beginn, auf die Einschreibung von zahlreichen Minderjährigen, die nicht als Feiglinge erscheinen wollten und auf die sich auch der Titel bezieht, der dem 1914 entstandenen patriotischen Gedicht „For the Fallen“ von Laurence Binyon entnommen ist, und die Ausbildung in England folgen so die Erfahrungen an der Front.


Nicht nur den Schrecken des Sperrfeuers und eines Gasangriffs, sondern auch die sonst wenig bekannten katastrophalen hygienischen Bedingungen, die miserable Ernährungssituation oder aber Vergnügungen wie Bordellbesuch und Fußballspiel bei kurzzeitiger Verlegung ins Hinterland lässt Jacksons Film, der in seiner Atemlosigkeit einerseits ungemein intensiv ist, andererseits den Zuschauer auch fast erschlägt, hautnah erfahren.


Direkte Kampfszenen wie ein Angriff mit Sturmgewehr und Bayonette wird mangels Filmmaterial „nur“ über die Erzählungen der Veteranen und comicartige Zeichnungen vermittelt, aber auch hier machen Fotos von zerfetzten Körpern, von im Matsch liegenden Leichen das Grauen eindrücklich erfahrbar.


Jacksons Bearbeitung des Materials dient damit nicht einer Veränderung der Information, sondern einer Aufladung mit Emotionen. Praktisch nichts erfährt man über den Hintergrund des Kriegs, ganz auf Augenhöhe mit den Soldaten bleibt „They Shall Not Grow Old“, vermittelt nichts über die politische Geschichte, aber sehr viel über den Alltag der Betroffenen.


Auf die Aussage „Krieg ist schrecklich“ lässt sich die Erkenntnis, die man aus dem Film gewinnt, letztlich reduzieren, aber dieser Schrecken bekommt hier in der detailreichen Schilderung ein Gesicht und wird erschütternd und nachwirkend spürbar: Dieses Erleben, dessen letzter Zeitzeuge 2009 verstorben ist, einem breiten Publikum intensiv zu vermitteln und für die Nachwelt zu bewahren, darin besteht die beachtliche und wichtige Leistung Jacksons und seines Teams.


Lauft derzeit im Kinok in St. Gallen

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 5.9., 20 Uhr

TaSKino Felkirch im Kino Rio: Di 10.9. bis Do 12.9.


Trailer zu "They Shall Not Grow Old"