• Walter Gasperi

The Whaler Boy


In einem tristen Dorf auf der russischen Seite der Beringstraße verliebt sich ein Teenager zunehmend obsessiv in ein amerikanisches Webcam-Girl und träumt von einer realen Begegnung. – Vor rauer nordrussischer Kulisse und verankert in quasidokumentarischer Milieuschilderung entwickelt Philipp Yuryev eine starke Coming-of-Age-Geschichte über Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe.


Heruntergekommen ist zwar die Seitenstraße, in die der erste Blick der Kamera fällt, doch im Sexclub, der hinter einer der Türen liegt, wird Styling groß geschrieben. Da schminkt sich eine junge Blondine sorgfältig, ehe sie in ihr ganz in Rosa getauchtes Zimmer geht und vor ihrem Laptop für Männer aus aller Welt posiert, um sie zu einem Chat zu animieren.


Von dieser Szene im amerikanischen Detroit springt Philipp Yuryev in ein an der Beringstraße gelegenes nordrussisches Dorf. Lüstern blicken auch hier die älteren Männer auf den Bildschirm des Laptops, wenden sich aber bald anderen Tätigkeiten zu. Der junge Leshka (Vladimir Onokhov) und sein Freund Kolvan (Vladimir Lyubimtsev) tun sich aber deutlich schwerer, sich vom Anblick der hübschen HollySweet999 (Kristina Asmus) zu lösen.


Junge Frauen scheint es in dem Walfänger-Dorf nicht zu geben. An eine Prostituierte denken die beiden Teenager, doch die müsste man einfliegen: Fünf Stunden für einen Weg ist doch etwas zu viel des Aufwands. Zwar treibt Leshkas Onkel später tatsächlich eine Prostituierte auf, die Leshka auch verführen möchte, doch der hat längst nur noch seine Amerikanerin im Kopf.


Er lernt ein paar Brocken Englisch, um sich zu verständigen, ist sich aber wohl durchaus bewusst, dass ihn die Angebetete gar nicht hört. Keinen Spaß versteht er in Bezug auf seine Internetliebe, reagiert auch zunehmend aggressiv und eifersüchtig, wenn er glaubt, dass sich auch Kolvan ernsthaft für seine große Liebe interessiert.


Geerdet ist diese Coming-of-Age-Geschichte in der unaufgeregten und genauen Schilderung des monotonen Alltags in diesem Kaff am Ende der Welt. Durchs Dorf führt eine Naturstraße, die Behausungen sind ärmlich. Auch in der Disco ist nichts los und am Tag geht es hinaus aufs Meer, wobei der Walfang quasidokumentarisch geschildert wird. Dass Sommer sei, wird zwar einmal erklärt, doch der graue Himmel, an dem sich nie die Sonne zeigt, und das ebenfalls graue Meer sowie die karge Vegetation der endlosen Tundra evozieren dennoch eine ungemütliche Atmosphäre der Kälte.


Im engen 4:3 Format hat Yuryev zwar gefilmt, doch immer wieder isolieren die Totalen der Kameramänner Mikhail Kursevich und Yakov Mironchev den von Vladimir Onokhov eindrücklich gespielten Leshka in der Weite der Tundra. Spürbar werden hier die Einsamkeit und Verlorenheit des Teenagers, während der Blick auf sein Webcam-Girl seine Sehnsucht nach Liebe vermittelt.


Rauen Charme entwickelt "The Whaler Boy" nicht nur durch die starke Verankerung im Milieu, sondern auch durch eine bewegliche Handkamera, die dem Protagonisten immer hautnah folgt und mit ruppigen Bewegungen auch mitten in einen Kampf mit seinem Freund Kolvan versetzt.


Nur eine Frage der Zeit ist es hier, bis die Sehnsucht zu groß wird und Leshka sich auf den Weg macht, um die nur 80 Kilometer breite Meeresstraße nach Alaska mit einem Motorboot zu überqueren. Aber wartet auf der anderen Seite wirklich das Paradies oder wird die Einsamkeit dort ohne Freund, Onkel und Großvater nur noch größer?


An Jim Jarmuschs "Stranger than Paradise" erinnert die Schilderung dieser tristen Welt und ihren verlorenen Menschen, aber mit der Sehnsucht Leshkas lodert hier immer ein Feuer, das die Hoffnung verbreitet, dass Glück möglich ist. Dies stellt sich in dieser herb poetischen Filmperle dann auch überraschend auf ganz andere Weise als angestrebt ein, wenn erst durch Irrwege der Wert der Freunde und Verwandten erkannt wird.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "The Whaler Boy"