• Walter Gasperi

The Truffle Hunters


In eine ganz eigene Welt entführen die Amerikaner Michael Dweck und Gregory Kershaw in ihrem ersten langen Dokumentarfilm: Mit geduldigem Blick und sanftem Humor porträtieren sie einige skurrile norditalienische Trüffelsammler und stellen diesen das Geschäft mit dem wertvollen Pilz gegenüber.


Langsam zoomt die Kamera aus der Luft an einen herbstlichen piemontesischen Berghang, an dem ein älterer Herr mit zwei Hunden unterwegs ist. Scheint es sich zunächst um einen Blick frontal von oben zu handeln, so wird mit dem Zoom langsam klar, dass die Annäherung horizontal erfolgt und der Berghang sehr steil ist.


Die ruhige und lange Einstellung, die erst mit einem Schnitt beendet wird, als man schon nahe am Trio ist, stimmt schon auf den langsamen und geduldigen Erzählrhythmus des Films ein. Gleichzeitig macht die in prächtige Herbstfarben getauchte und sorgfältig komponierte Einstellung auch schon klar, dass dieser Film kein Schnellschuss ist, sondern von einer überlegten Bildsprache bestimmt wird. Immer wieder werden so in der Folge die genau kadrierten und ausgeleuchteten Einstellungen wie Gemälde wirken und für visuellen Genuss sorgen.


Wenn der eine Hund zu scharren beginnt, ist das Herrchen sofort zur Stelle, verdrängt seinen Begleiter und beginnt selbst zu graben und die kostbaren weißen Alba-Trüffel freizulegen. Mehrere dieser knorrigen, recht skurrilen und vorwiegend alten Trüffelsammler porträtieren Michael Dweck und Gregory Kershaw. Als einer der Stars unter ihnen gilt Aurelio, doch der inzwischen 84-Jährige möchte sich zur Ruhe setzen. Immer wieder suchen ihn jüngere Kollegen auf, die ihm die Geheimnisse der Trüffelsuche und die besten Plätze entlocken wollen, doch dem Drängen gibt er nicht nach.


Kaum weniger wichtig als diese Männer sind aber ihre Hunde, die unverzichtbare Begleiter bei der Suche sind. Mit ihren Herrchen dürfen die Vierbeiner am Essenstisch sitzen oder werden in der Badewanne gereinigt. Aber ständig sind sie in Sorge um diese treuen Freunde, denn immer wieder soll es vorkommen, dass Konkurrenten versuchen, die Hunde zu vergiften.


Auf Inserts und Kommentar verzichten Dweck und Kershaw, die drei Jahre lang die Trüffelsammler begleitet haben. Sie überlassen den filmischen Raum ganz ihren Protagonisten, die in den langen ruhigen und distanzierten Einstellungen viel Raum erhalten sich zu präsentieren.


Markanten Gegenpol zu ihrem Wühlen im Waldboden stellen die Abnehmer und das Geschäft mit den Trüffeln dar. Dem ursprünglichen und einfachen Landleben steht damit eine klinisch saubere und kalte Welt gegenüber: Am Telefon wird der Verkauf von Trüffeln zu einem Kilopreis von um die 4000 Euro beschlossen, ein vornehmer Herr genießt in einem sichtbar noblen, aber sterilen Restaurant zu einem Glas Rotwein ein Spiegelei mit Trüffel.


Strahlen die alten Trüffelsammler in ihren einfachen Behausungen und ihrem unabhängigen Alltag Wärme, Menschlichkeit und Lebensfreude aus, so macht sich in diesen Szenen Kälte und Emotionslosigkeit breit. Einsam und verloren wirken diese reichen Kunden, die diese Delikatesse vor allem als Statussymbol zu bestellen scheinen.


Platte Gesellschaftskritik könnte das sein, doch Dweck und Kershaw inszenieren dazu viel zu zurückhaltend, beschränken sich auf die genaue und geduldige Beobachtung. Einen wunderbar unaufgeregten Rhythmus entwickelt "The Truffle Hunters" so und beschwört im empathischen Blick gleichzeitig mit sanfter Melancholie und leisem Humor eine traditionelle Welt, die langsam zu verschwinden droht.


Unaufdringlich wird in der Kontrastierung der beiden Welten so auch die Frage nach den wesentlichen Dingen im Leben aufgeworfen. - So beschert "The Truffle Hunters" nicht nur ein eigenwilliges, bildschönes Kinoerlebnis, sondern regt auch an über das eigene Leben und die Prioritäten, die man setzt, nachzudenken.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "The Truffle Hunters"