• Walter Gasperi

The Trial of the Chicago 7


Aaron Sorkin zeichnet den Prozess nach, der 1969 gegen Anti-Vietnamkriegs-Aktivisten wegen Verschwörung und Aufhetzung geführt wurde. – Das packende Gerichtsdrama mit unübersehbaren aktuellen Bezügen ist kurz im Kino und ab 16. Oktober auf Netflix zu sehen.


Die rund zehnminütige Pre-Title-Sequenz gehört wohl zum Elektrisierendsten und Mitreißendsten, was man in diesem Jahr bislang im Kino zu sehen bekam: In furioser Montage und einem Mix aus schwarzweißem Archivmaterial und Filmszenen skizziert Sorkin den historischen Hintergrund mit einer Rede Lyndon B. Johnsons zur Aufstockung der US-Truppen in Vietnam, den Morden an Martin Luther King und am potentiellen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy bis hin zum Demokratischen Parteikongress in Chicago, bei dem Hubert Humphrey als Kandidat für die Präsidentschaftswahl im November nominiert wurde.


Unterschiedliche liberale Gruppen von Studenten über Hippies bis zu afroamerikanischen Bürgerrechtlern wollten diesen Kongress nutzen, um gewaltfrei und medienwirksam gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren, doch es kam zu blutigen Auseinandersetzung zwischen den Demonstranten und der Polizei, die durch die Nationalgarde verstärkt wurde. – Stoff für mehr als nur einen Film verdichtet Sorkin meisterhaft in dieser Exposition.


Während die Ermittlungen unter Präsident Johnsons Justizminister (Michael Keaton) kein strafrechtlich verfolgbares Vergehen der Demonstranten feststellten, strebte dessen Nachfolger John Mitchell unter der Administration Richard Nixons rund ein Jahr nach den Ereignissen einen Prozess an. Ein Exempel sollte an den Aktivisten statuiert werden und der junge Staatsanwalt (Joseph Gordon-Levitt) sollte dafür sorgen, dass die Angeklagten die Höchststrafe von zehn Jahren Haft erhalten.


Ganz auf diesen Prozess, der sich über 151 Tage hinzog, konzentriert sich Sorkin. Als Meister rasanter Rededuelle hat dieser sich schon als Drehbuchautor von David Finchers "The Social Network" (2010) und Danny Boyles "Steve Jobs" (2015) erwiesen, hier führt er nun nach "Molly´s Game" (2017) zum zweiten Mal auch Regie.


Im Zentrum stehen zwar die Gerichtsszenen, mit kurzen Rückblenden, in denen Sorkin wiederum farbige Filmszenen mit realem oder fingiertem schwarzweißem Archivmaterial mischt, bietet "The Trial oft he Chicago 7" aber auch immer wieder einen mitreißenden Einblick in die Eskalation der Proteste. Eingeschoben sind daneben auch private Besprechungen der auf Kaution freigelassenen Angeklagten.


Bestechend deckt Sorkin nicht nur die parteiische Prozessführung des Richters (Frank Langella) auf, sondern bietet auch Einblick in die unangemessene Gewalt, die die Polizei bei ihrem Einsatz gegen die Demonstranten anwandte. Gleichzeitig erinnern die "Chicago 7" aber auch an die "Hollywood Ten", die während der Kommunistenjagd unter Senator McCarthy in den späten 1940er Jahren zu Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie sich weigerten vor dem House Committee of Un-American Activities auszusagen.


Während diese Sieben aber von einem Anwalt (Mark Rylance) verteidigt werden, erhält der afroamerikanische Bürgerrechtskämpfer und Mitbegründer der Black Panther Party Bobby Seale als achter Angeklagter keine Stimme, da sein Anwalt krankheitsbedingt abwesend war und der Antrag auf Vertagung des Prozesses abgelehnt wurde.


Die tendenziöse Prozessführung von Richter Hoffman, die auch von einer Diskriminierung Seales gekennzeichnet war, führte zu zahlreichen Zwischenrufen und Protesten des Anwalts und der Angeklagten, durch die der Prozess zunehmend zur Farce wurde.


Dicht und packend zeichnet Sorkin so nicht nur mit rasanten Rededuellen und dynamischem Schnitt diesen historischen Prozess nach, sondern bietet auch eine demokratiepolitische Lehrstunde. Wenn hier Rechtsbiegung, Polizeigewalt und Spitzelwesen verurteilt und das Recht auf gewaltfreien Protest und Redefreiheit gefeiert wird, ist dies auch eine mitreißende und bis in die Nebenrollen glänzend besetzte Kampfansage gegen aktuelle Tendenzen in den USA. - Kein Zufall ist es wohl, dass dieser Film kurz vor der US-Präsidentschaftswahl im Kino bzw. auf Netflix startet.


Nur am Ende macht sich Pathos breit, wenn einer der Angeklagten die Namen der während der Prozesstage in Vietnam gefallenen US-Soldaten vorliest. – Emotional fährt diese Schlussszene aber umso heftiger ein.


Läuft derzeit im Skino in Schaan und im St. Galler Kino Scala


Trailer zu "The Trial of the Chicago 7"