• Walter Gasperi

The Nightingale – Schrei nach Rache


Nach ihrem starken Horrorfilm "The Babadook" legt die Australierin Jennifer Kent mit ihrem zweiten Spielfilm einen harten und kompromisslosen historischen Rachethriller vor. Die Abrechnung mit der Unterdrückung der Frau und dem Genozid an der indigenen Bevölkerung Tasmaniens im frühen 19. Jahrhundert ist bei Koch Films auf DVD und Blu-ray erschienen.


Mit der Großaufnahme des Gesichts der schlafenden jungen Clare (Aisling Franciosi), die von ihrem Mann Aidan zärtlich geweckt wird, beginnt Jennifer Kents zweiter Spielfilm. Ein Blick auf das daneben liegende Baby evoziert das Bild einer glücklichen Familie, während das enge 4:3-Format Intimität und Nähe erzeugt. Bald wird dieses Idyll mit der Weitung des Raums aber zerstört, denn das Paar wurde vor Jahren als Strafgefangene von der britischen Armee nach Tasmanien deportiert und wird hier von Leutnant Hawkins (Sam Claflin) als sein Eigentum betrachtet.


Aidan ist inzwischen zwar frei, aber Clare will Hawkins nicht aus der Gefangenschaft entlassen und vergewaltigt sie immer wieder brutal. Als ihr Mann dagegen protestiert, eskaliert die Situation und er wird ebenso wie das Baby getötet. Grenzenlos ist nicht nur Clares Trauer und Schmerz, sondern auch ihr Hass. Sie verharrt nicht in der Opferrolle, sondern folgt Hawkins, als dieser mit einem kleinen Trupp durch den tasmanischen Dschungel zur nächsten Stadt aufbricht, mit dem indigenen Führer Billy (Baykali Banambarr), um sich zu rächen.


Eine klassische Rachegeschichte, wie man sie aus Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod", Ridley Scotts "Gladiator" oder Alejandro González Iñárritus "The Revenant" und zahlreichen anderen Western kennt, ist das im Kern. Linear und kompromisslos erzählt Kent, beschränkt sich ganz auf die wenigen Tage der Verfolgung durch den Dschungel, verzichtet auf Neben- und Hintergrundgeschichten.


Große Dichte und Spannung entwickelt dieser tasmanische Western durch diese Konzentriertheit und Schnörkellosigkeit, zu der auch der weitgehende Verzicht von Filmmusik beiträgt. Das enge Bildformat lässt auch im Dschungel nie ein Gefühl von Weite oder Freiheit aufkommen, sondern sorgt für Beklemmung, die durch kurze Blicke auf tote weiße Farmer ebenso wie auf gehängte Indigene noch verstärkt wird. Intensiv macht Kent dabei auch durch sich am Horrorfilm orientierende Alpträume und Wahnvorstellungen Clares deren Traumatisierung durch den schrecklichen Verlust von Mann und Baby erfahrbar.


Über die private Geschichte hinaus entwickelt "The Nightingale" mit der weiblichen Protagonistin und dem sorgfältig rekonstruierten historischen Ambiente aber auch eine starke gesellschaftskritische Komponente. Scharf prangert die australische Regisseurin die Unterdrückung der Frau und den Genozid an der indigenen tasmanischen Bevölkerung im so genannten "Black War" an, rechnet mit dem kolonialistisch-rassistischen britischen Verhalten ebenso ab wie mit der strengen Hierarchie innerhalb der Armee. Präzise zeigt sie, wie sich hier Schikanen durch die Vorgesetzten und Frustration wieder in Gewalt und Demütigung gegenüber den Untergebenen entladen.


Leichte Kost ist das freilich nicht, denn mit aller Deutlichkeit zeigt Kent nicht nur die Gewalt der Männer, sondern auch die Folgen des Rachedursts von Clare, deren Schmerz und Hass Aisling Franciosi mit ihrem intensiven Spiel und großem Körpereinsatz eindringlich vermittelt. Mit ihrer irischen Herkunft wird dabei auch noch der englisch-irische Konflikt ins Spiel gebracht, die Unterdrückung der grünen Insel durch die Engländer und das irische Freiheitsstreben.


Gleichzeitig erzählt "The Nightingale" von einer Befreiung und Selbstermächtigung und einer Annäherung zwischen der unterdrückten Frau und dem indigenen Führer Billy, dessen Stamm von den Weißen ausgelöscht wurde. Nicht weniger rassistisch als die anderen Briten verhält sie sich zunächst gegenüber ihm, lernt ihn aber langsam als Mensch wahrzunehmen und zu schützen. Das Klischee, dass sich hier eine Freundschaft entwickelt, umschifft Kent aber, denn die Unvereinbarkeit ihrer Welten und ihrer Situation bleibt bis zum Ende bestehen, auch wenn ein Sonnenaufgang am Meer Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.


An Sprachversionen bietet der bei Koch Films auf DVD und Blu-ray erschienene Film die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben dem originalen und dem deutschen Trailer ein rund 15-minütiges Making of und ein 25-minütiges Feature mit Interviews mit den HauptdarstellerInnen, der Regisseurin und weiteren MitarbeiterInnen.


Trailer zu "The Nightingale - Schrei nach Rache"