• Walter Gasperi

The Hill Where Lionesses Roar - La Colline où rugissent les lionnes


Drei junge Frauen wollen dem monotonen Alltag in einem kosovarischen Dorf entkommen. Um diesen Traum zu verwirklichen, greifen sie bald auch zu kriminellen Mitteln: Das kraftvolle und natürliche Spiel der drei Hauptdarstellerinnen trägt das Debüt der 21-jährigen Luàna Bajrami, etwas holprig ist dagegen die Handlungsführung.


Der Hügel über ihrem Heimatdorf ist einer der Zufluchtsorte der unzertrennlichen Freundinnen Qe (Flaka Latifi), Li (Era Balaj) und Jeta (Uratë Shabani). Wenn sie hier auf Aufforderung der blonden Li wie Löwinnen brüllen, spürt man, welche Kraft und Lebenslust in den jungen Frauen steckt.


Ihre Treffpunkte im Dorf wie ein Haus im Rohbau oder ein Freibad ohne Wasser vermitteln dagegen Tristesse oder auch eine Stimmung des Übergangs. Auch die Familie gibt hier keinen Halt. Während Jeta Waise ist und von ihrem übergriffigen Onkel bedrängt wird, soll Qe den Frisiersalon ihrer Eltern übernehmen. Nur Lis Mutter unterstützt ihre Tochter bei ihren Plänen.


Alle drei Freundinnen wollen nämlich schon seit zwei Jahren auf die Universität, gespannt warten sie nun auf die Zulassungslisten, müssen aber schließlich feststellen, dass sie wieder nicht aufgenommen wurden. Befeuert wird ihr Traum vom Verlassen des Landes auch durch die etwa gleichaltrige Lena (Luana Bajrami), die aus Paris in den Kosovo gekommen ist, um die Ferien bei ihrer Großmutter zu verbringen.


Lena, die von der 2001 im Kosovo geborenen und in Frankreich lebenden Regisseurin Luana Bajrami gespielt wird, vertritt ganz im Gegensatz zu den Freundinnen die Meinung, dass hier im Kosovo das Leben viel freier und schöner als in Paris sei. Weiter ausformuliert werden ihre Migrationserfahrungen und ihr Leben zwischen den Kulturen aber nicht. Für Li, Jeta und Qe jedenfalls steht trotz Lenas Pessimismus fest, dass sie wegwollen. Weil dazu freilich Geld nötig ist, bilden sie eine Gang und rauben bald Elektrogeschäfte, Juwelierläden und eine Supermarkthalle aus.


Stark ist dieser Film immer wieder im Blick auf die jungen Frauen und den Großaufnahmen ihrer Gesichter. Intensiv lassen Flaka Latifi, Uratë Shabani und Era Balaj die Sehnsucht nach einem anderen Leben und einem Ausbruch aus der perspektivlosen Welt spüren. Mit diesen wiederholten langen Großaufnahmen (Kamera: Hugo Paturel) legt "The Hill Where Lionesses Roar" aber auch gewissermaßen Pausen ein und vermittelt den momentanen Stillstand.


Eine unruhige und hautnah geführte Handkamera überträgt dagegen bei einem Konflikt direkt die Wut und Aggression der jungen Frauen auf die Zuschauer*innen. Gleichzeitig beschwören prächtige Totalen der Wald- und Wiesenlandschaft aber auch nicht nur eine flirrende Sommerstimmung, sondern auch immer wieder ein Gefühl von Freiheit und Weite, die in Opposition zur dörflichen Enge stehen.


Herzstück und Motor dieses Debüts sind die drei jungen Frauen, bruchstückhaft bleibt dagegen die Erzählung. Mehr angedeutet als differenziert ausformuliert werden so die Familienverhältnisse und auch ins Dorfleben bekommt man abgesehen von einer ausführlich geschilderten traditionellen Hochzeit kaum einen Einblick. Etwas seltsam ist aber auch, wie Lena plötzlich wieder aus dem Film verschwindet.


Ziemlich abrupt folgt auch der Entschluss eine Gang zu gründen und der Übergang zu kriminellen Aktionen. Differenzierter und genauer war Blerta Bashollis "Hive" in der Schilderung der patriarchalen Strukturen des Kosovo und der weiblichen Selbstermächtigung. Dennoch gelingt es auch Bajrami insgesamt ein eindrückliches Bild von jugendlicher Befindlichkeit nicht nur im ländlichen Kosovo zu zeichnen und intensiv die Sehnsucht nach einem befreiten Leben und Ausbruch aus der Enge zu vermitteln.

La Colline où rugissent les lionnes Frankreich / Kosovo / USA 2021 Regie: Luàna Bajrami mit: Flaka Latifi, Uratë Shabani, Era Balaj, Andi Bajgora, Luàna Bajrami u.a. Länge: 83 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "The Hill Where Lionesses Roar"