The Furious
- Walter Gasperi

- vor 6 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Zwei Männer legen sich mit einer Bande von Kinderhändlern an: Die Handlung ist mit weniger als zehn Worten umrissen, aber mit zwei physisch sehr präsenten Protagonisten und vor allem der rasanten Abfolge von brillant choreografierten und sich kontinuierlich steigernden Martial-Arts-Kämpfen sorgt Kenji Tanigaki für 114 Minuten ebenso atemloses wie furioses Actionkino.
Die Oberfläche ist in "The Furious" alles. An differenzierter Figurenzeichnung ist der japanische Action-Choreograph und Stuntman Kenji Tanigaki bei seiner dritten Regiearbeit so wenig interessiert wie an einer komplexen Handlung. Im Stunt-Choreographen Kensuke Sonomura und im Kameramann Meteor Cheung fand er dafür perfekte Mitarbeiter. Fulminant choreographiert ist das permanente Treten und Schlagen, wartet immer wieder mit Abwechslungen auf, während die Kamera mit ihrer Beweglichkeit einerseits ins Geschehen hineinzieht, anderseits auch mit dem Wechsel zwischen Nahaufnahmen und weiten Einstellungen, die Überblick verschaffen, für Dynamik sorgt.
Drohnenaufnahmen der nächtlichen Skyline einer nicht näher bestimmten südostasiatischen Großstadt und Blicke in die von Menschen überfüllten Straßenfluchten evozieren knapp die pulsierende Atmosphäre des Schauplatzes. Parallel setzt die Handlung mit dem Mann (Joe Taslim) einer Journalistin ein, die während ihrer Recherchen zu einem Kinderhändlerring verschwand, und einem stummen chinesischen Handwerker (Miao Xie), dessen etwa achtjährige Tochter von dieser Bande entführt wird.
Die Kämpfe, die nicht von schnellen Schnitten, sondern tendenziell eher von längeren Einstellungen bestimmt sind, in denen die Schauspieler ihre Körperakrobatik und Kampfkünste demonstrieren können, setzen schon in der Pre-Title-Sequenz ein, in der die Journalistin von Mitgliedern der Bande gestellt wird. Sukzessive steigern sie sich, wenn der stumme und lange namenlos bleibende Chinese zunächst die Entführung seiner Tochter Rainy (Enyou Yang) zu verhindern und dann sie zu finden versucht.
Jenseits von jedem Realismus ist, wie die Kämpfer trotz zahlloser Schläge immer wieder aufstehen, oder der Chinese weiterrennt, nachdem er auf einer Kreuzung frontal von einem Auto niedergefahren wurde. Auch einen scheinbar übermächtigen Gegner für den eher unscheinbaren und schmächtigen Mann gibt es in einem schwergewichtigen und hünenhaften, aber geistig zurückgebliebenen Glatzkopf (Brian Le).
Ein Standard solcher Filme ist auch, dass die Spitze der Polizei korrupt ist und auf die Meldung der Entführung des Mädchens kaum reagiert. So nimmt der Chinese die Dinge selbst in die Hand, trifft in einem Club bald auf den Mann der vermissten Journalistin. Sehen sie sich zunächst als Feinde, erkennen sie bald, dass sie das gleiche Ziel verfolgen, spannen zusammen und sagen dem Kinderhändlerring den Kampf an.
Dem Luxusleben mit prächtiger Villa des Bandenbosses stehen die tristen Kellerräume gegenüber, in denen die Kinder gefangen gehalten werden. Hier entwickelt aber auch Rainy Eigeninitiative, während der Vater von außen versucht, sie zu retten.
Kampf folgt so auf Kampf und hoffnungslos übermächtig scheinen die Gegner, doch der Chinese und der Journalistengatte wissen sich freilich auch gegen eine Übermacht zu behaupten. Schusswaffen setzt hier kaum jemand ein, dafür werden neben den Händen und Beinen auch ein Hammer, Messer, Pfeil und Bogen, ein Motorrad und schließlich auch Fahrräder als Waffen verwendet.
Wechsel zwischen langen Zweikämpfen und der Konfrontation mit ganzen Horden von Verbrechern sorgen ebenso für Abwechselung wie Schauplatzwechsel. Aber nicht nur das hohe Tempo und die brillant choreografierten Kampfszenen verhindern das Aufkommen von Leerlauf, sondern auch die Parallelmontagen, mit denen immer wieder zwischen einzelnen Kämpfen, aber auch zwischen dem bedrückenden Gefängnis der Kinder und der Villa des Gangsterbosses gewechselt wird. Souverän wird auch die Handlung vorangetrieben, wenn Tanigaki auf ein vermeintliches Happy End noch einen ebenso brutalen wie fulminanten Showdown draufsetzt, bei dem die Positionen zwischen den fünf Kämpfern immer wieder wechseln.
Zwar wird auch von Freundschaft, von Einsatz für die Schwachen und Kampf gegen Ausbeutung erzählt, aber im Kern ist das pures Actionkino, in dem es vor allem um die permanente Bewegung geht. Was im Tanzfilm die Tänze sind, das sind hier die atemberaubenden Kampfszenen.
Große Schauspielkunst ist hier nicht nötig, aber die physische Präsenz des internationalen Casts, bei dem der einstige chinesische Kinderstar Xie Miao neben dem indonesischen Kampfkünstler Joe Taslim und dem US-Amerikaner Brian Le steht, und die effektive Arbeit mit markanten Gut-Böse-Gegensätzen, die Emotionen schüren, sorgen dafür, dass man bei diesem stringent und schnörkellos inszenierten Genrefilm bis zum Ende mit den Protagonist:innen und den Kindern mitfiebert.
Mehrfach macht Tanigaki aber auch das Spielerische von "The Furious" bewusst, wenn Szenen in ihrer Übertreibung gezielt ins Humoristische kippen. Da kehrt nämlich nicht nur ein vermeintlich Toter wieder zurück, sondern aus dem Nichts taucht auch plötzlich ein Rettungstuch auf und eine abgehackte Hand lässt sich nicht abschütteln. Hier signalisieren die Macher, dass der gesellschaftskritische Hintergrund nur als Movens für mit höchster Präzision ausgeführtes, aber lustvolles und hochenergetisches Genrekino fungiert.
The Furious
Hongkong / China 2025
Regie: Kenji Tanigaki
mit: Xie Miao, Joe Taslim, Yang Enyou, Jeeja Yanin, Brian Le, Joey Iwanaga, Yayan Ruhian
Länge: 114 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems.
Trailer zu "The Furious"




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