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La maison des femmes

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 6 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"La maison des femmes": Kraftvoller, teils quasidokumentarischer Spielfilm über die Arbeit in einem Krankenhaus für gewaltbetroffene Frauen.
"La maison des femmes": Kraftvoller, teils quasidokumentarischer Spielfilm über die Arbeit in einem Krankenhaus für gewaltbetroffene Frauen.

Mélisa Godet zeichnet ein dichtes und ungeschminktes Porträt der belastenden Arbeit in einem Pariser Frauenhaus ebenso wie der Schicksale der gewaltbetroffenen Frauen: Ein von einem großartigen Ensemble getragenes, kraftvolles und trotz des ernsten Themas hoffnungsvolles Spielfilmdebüt.


Ein Vorspanninsert informiert, dass Mélisa Godet, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, sich vom realen Frauenhaus in Pariser Vorort Saint-Denis inspirieren ließ. Dieses wurde 2016 von der libanesischen Ärztin Ghada Hatem-Gantzer initiiert. Quasidokumentarisch ist "La maison des femmes" so auch im ungeschönten Blick auf die Problem- und Arbeitsfelder, die im dynamischen Auftakt dicht aufeinanderprallen.


Während Frauen in einem Gesprächskreis über erfahrene Gewalt und Vergewaltigung berichten, kümmert sich das Personal in der Aufnahme um die zahlreichen Hilfe- und Schutzsuchenden. Eine Gynäkologin (Karin Viard) wiederum betreut Frauen mit Genitalverstümmelung, denen sie eine Operation zur Rekonstruktion anbietet, und in einem Karatekurs soll das Selbstvertrauen der traumatisierten Frauen gestärkt werden. Für äußeren Druck sorgen zwei Beamt:innen vom Sozialamt, die die Einrichtung auf ihre Effektivität und weitere Förderungswürdigkeit prüfen.


Als Identifikationsfigur fürs Publikum bietet sich die junge Assistenzärztin Inès (Oulaya Amamra) an, die im Frauenhaus ein Praktikum antritt, danach aber einen Job in einer Privatklinik antreten will. Doch Inès ist nur eine der zahlreichen Protagonist:innen. In schnellem Rhythmus wechselt Godet zwischen den Arbeitsfeldern ebenso wie zwischen ärztlichem Personal und Opfern. Dicht wird so die fast permanente Anspannung und der Druck vermittelt, unter dem das Team steht. Zeit lässt sich der Film aber auch für die Opfer, die immer wieder in langen Großaufnahmen bewegend von ihrem Schicksal erzählen können.


Von Genitalverstümmelung afrikanischer Flüchtlinge über eine Maturantin, die wegen ihres vorehelichen Geschlechtsverkehrs von ihren Brüdern bedroht wird, bis zu einer Mittsechzigerin aus gehobenem Milieu, die von ihrem Mann geschlagen wird, spannt sich der Bogen. Chirurgische Eingriffe sind ebenso notwendig wie den Schilderungen der Opfer geduldig zuzuhören, ihnen Schuldgefühle zu nehmen und ihr Selbstvertrauen zu stärken oder Hilfestellung beim Asylantrag oder der Suche nach einer Unterkunft zu bieten.


Trotz dieser bedrückenden Themen wird "La maison des femmes" aber nie niederschmetternd, sondern reißt mit dem leidenschaftlichen Einsatz des Teams und der dynamischen Erzählweise mit. Godet beschönigt aber auch nichts, sondern lässt in überlegtem Wechsel immer wieder niederschmetternde und positive Momente aufeinandertreffen.


Nicht ausgespart wird auch, wie der berufliche Stress das Privatleben belastet, wenn eine Hebamme (Lætitia Dosch) kaum Zeit für ihr lange ersehntes einjähriges Kind hat und es wiederholt zu Konflikten mit ihrem Freund kommt. Inès dagegen wächst zunehmend in die Arbeit im Frauenhaus hinein, findet dafür aber wenig Verständnis bei ihrer dominanten Mutter, die die Zukunft ihrer Tochter in einer Nobelklinik sieht. Aber auch ausspannen und Kraft tanken lässt Godet ihre Heldinnen des Alltags, wenn sie am Abend gemeinsam etwas trinken gehen oder wenn die Gynäkologin im Schwimmen im Hallenbad einen Ausgleich findet.


Leidenschaftlich feiert dieses Sozialdrama so nicht nur das Engagement und die Fürsorge des Personals des Frauenhauses, sondern macht auch eindringlich dessen Wichtigkeit und Notwendigkeit bewusst. Zu verdanken ist dies neben der zupackenden Inszenierung vor allem dem mit Verve spielenden Ensemble. Hier ragt keine Hauptdarstellerin heraus, sondern erst durch die Summe der unterschiedlichen Akteur:innen vom vielfältigen Team des Frauenhauses bis zu den unterschiedlichen Opfern entwickelt "La maison des femmes" seine Kraft und Dichte.


Ganz still wird der Film, in dem Musik nur sehr reduziert und vorwiegend in den Übergängen zwischen den Szenen eingesetzt wird, während des Corona-Lockdowns. Leer stehen nun nicht nur die Aufnahme, in der sonst immer Hektik herrscht, sondern auch die Räume für Gesprächsrunden und Workshops. Dennoch geht die Arbeit mittels Telefonbetreuung bald weiter.


Zudem machte die Ausnahmesituation mit einem Anstieg von häuslicher Gewalt die Notwendigkeit solcher Einrichtungen allgemein bewusst, sodass im Finale mit der Genehmigung für die Errichtung weiterer "Maisons des femmes" und mit einer Frauendemonstration auch mitreißend weibliche Solidarität und Widerstand gegen das Patriarchat gefeiert wird.



La Maison des femmes Frankreich 2025

Regie: Mélisa Godet

mit: Juliette Armanet, Aure Atika, Karin Viard, Pierre Deladonchamps, Laetitia Dosch, Oulaya Amamra, Eye Haïdara 

Länge: 110 min.



Läuft jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und ab 18.6. im Skino Schaan.



Trailer zu "La Maison des femmes"




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