• Walter Gasperi

The French Dispatch


Unverkennbar ein Film von Wes Anderson: Mit begeisternder Liebe zum Detail, überschäumender Fabulierfreude, schier grenzenlosem Einfallsreichtum und einem sensationellen Starensemble feiert der Texaner den Journalismus alter Schule und die Zeitschrift "The New Yorker". Nicht zu übersehen ist aber auch, dass der Film in Einzelteile zerfällt.


Schon die ersten Einstellungen des Redaktionshauses von "The French Dispatch", des französischen Ablegers des amerikanischen Magazins "Liberty, Kansas Evening Sun" begeistern mit ihrer liebevollen Gestaltung. Jeder Farbton und jedes Detail sind hier sorgfältig gewählt, gleichzeitig wird auch die für Wes Andersons Filme typische Puppenhaus-Perspektive eingeführt.


Das Magazin ist zwar so fiktiv wie deren französischer Sitz Ennui-sur-Blasé ("Langeweile auf Blasiertheit"), doch erklärtermaßen diente der reale "New Yorker" als Vorbild, dessen Gründer Harold Ross, seinem Nachfolger William Shawn und zahlreichen weiteren Redakteuren Anderson seinen Film auch gewidmet hat. Als Gründer und Chefredakteur von "The French Dispatch" führt er den aus Kansas stammenden Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) ein. Er dient als Bindeglied, der die Figuren und die folgenden Geschichten zusammenhält.


Mit rasendem Tempo werden aber zunächst die Eigenheiten Howitzers und die einzelnen skurrilen Redakteure vorgestellt. Übervoll ist "The French Dispatch" zumal am Beginn, nicht bremsen lässt sich Anderson in seiner Fabulierfreude und fordert - oder überfordert sogar - das Publikum mit dieser Fülle und rasanten Abfolge an Figuren und Szenen.


Etwas – aber wirklich nur etwas – ruhiger wird diese Wundertüte von einem Film erst, als nach dem Tod des Chefredakteurs Howitzer mit einer finalen Ausgabe mit mehreren Geschichten das Magazin nochmals gefeiert und gleichzeitig ein Eindruck von dessen Aufbau und Inhalt vermittelt werden soll. Getrennt werden die einzelnen, wunderbar skurrilen Geschichten durch Inserts zum jeweiligen Ressort und Seitenangaben zur fiktiven Schlussausgabe.


Nachdem ein Reisejournalist (Owen Wilson) die die dunklen Seiten der Stadt vorgestellt hat, geht es zunächst um die Kunstkritikerin JKL Berensen (Tilda Swinton), die über einen verurteilten Mörder schreibt, dem seine Aufseherin als Aktmodell steht. Anschließend berichtet die Politjournalistin Lucinda Krementz (Frances McDormand) über die französischen Studentenrevolten und bei einem anderen Journalisten, mit dem Anderson dem Schriftsteller James Baldwin seine Reverenz erweist, wird ein geplanter Bericht über einen berühmten Koch zur Erzählung über einen Entführungsfall.


Abgeschlossen wird dieser Strauß herrlich skurriler, lustvoll und einfallsreich erzählter und gespielter Episoden mit einem Nekrolog auf Howitzer, mit dessen Tod auch das Magazin 1975 eingestellt wird.


Das ist auf der einen Seite eine Starparade sondergleichen, wenn von Andersons Stammschauspielern Bill Murray, Owen Wilson und Adrien Brody über Tilda Swinton, Frances McDormand, Benicio del Toro, Willem Dafoe bis Lea Seydoux, Mathieu Amalric und Christoph Waltz auftritt, was Rang und Namen hat, und doch ordnen sich diese Stars immer den Geschichten unter. Perfekt versteht es Anderson dieses Ensemble einzusetzen, gleichzeitig bleibt aber immer er mit seinem Einfallsreichtum der eigentliche Star des Films.


Denn er belässt es nicht beim inhaltlichen Einfallsreichtum und enormen Erzähltempo, sondern wirbelt auch lustvoll und leichthändig filmische Formen durcheinander. Nicht nur zwischen Breitwand- und 4:3-Format wechselt der Film immer wieder, sondern auch zwischen Farbe und Schwarzweiß und in den Realfilm mischt sich mit einer animierten Verfolgungsjagd gegen Ende auch eine hinreißende Cartoon-Szene.


Ausgetüftelt bis ins Letzte sind nicht nur die Farbdramaturgie von Kameramann Robert D. Yeoman, die Kostüme von Milena Canonero und das Production-Design von Adam Stockhausen, sondern auch der Soundtrack, bei dem Alexandre Desplat nicht nur auf Songs von Grace Jones und Charles Aznavour und auf Melodien von Ennio Morricone und Georges Delerue, sondern auch auf Johann Sebastian Bach zurückgreift.


So übervoll ist dieser Film, dass es beim ersten Sehen unmöglich ist die Fülle seiner Details und Anspielungen zu erfassen und viele Anspielungen werden sowieso nur Kenner des "New Yorker" entdecken. Gleichzeitig ist aber auch unübersehbar, dass Andersons zehnter langer Spielfilm in Einzelteile zerfällt und sich abseits der Hommage an den Journalismus alter Schule und das legendäre amerikanische Magazin keine große, kohärente Handlung einstellt, sondern nur das Redaktionsgebäude und Chefredakteur Howitzer die Teile zusammenhalten. Das schwächt zweifellos die Nachwirkung von "The French Dispatch", andererseits darf man sich aber doch über ein filmisches Feuerwerk freuen, wie es nur selten abgebrannt wird.


Läuft derzeit z.B. im Skino in Schaan und im Scala in St. Gallen. TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 11.11. - 15.11. Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 24.11., 20 Uhr


Trailer zu "The French Dispatch"