• Walter Gasperi

The Climb


Gegensätzliche Charaktere sind der gutmütige Kyle und der egoistische Mike, doch seit der Kindheit verbindet sie eine Freundschaft. – In sieben Kapiteln erzählt Michael Angelo Covino in seinem ausgesprochen originellen Debüt ebenso witzig wie bewegend vom Auf und Ab dieser schwierigen Beziehung.


Zwei Rennradfahrer kämpfen sich irgendwo in Südfrankreich einen Berg hinauf. Während Mike (Michael Angelo Covino) gut in Form ist, scheint Kyle (Kyle Marvin) erstmals auf einem Rennrad zu sitzen. Ruhig kann so Mike seinem Freund, der kurz vor der Hochzeit gestehen, dass er auch schon mit der Braut geschlafen hat – und zwar nicht nur einmal, denn über Jahre hatten sie eine Affäre. Verständlicherweise erzürnt reagiert Kyle, doch locker kann Mike ihn auf Distanz halten.


"I´m Sorry" ist diese erste, rund zehnminütige Episode überschrieben und immer wieder entschuldigt sich Mike für sein Verhalten. Wirklich bereuen scheint er es letztlich aber nicht. Entgegen klassischer Dramaturgie ist diese Szene auch in einer Einstellung und damit in Echtzeit gedreht. Ruhig weicht die Kamera bei dieser Bergfahrt vor den keuchenden und schwitzenden Radfahrern zurück, nähert sich ihnen bald, lässt ihnen dann wieder mehr Raum.


Auch die folgenden sechs Episoden sind in langen Plansequenzen, teilweise sogar in einer mehrminütigen Einstellung gedreht. Da folgt bald die Kamera Kyle an Thanksgiving vom Keller durch das ganze Haus seiner Eltern und stellt die Familie vor, um dann nach einer Überblendung von außen durch die verschiedenen Fenster aufs Weihnachtsfest zu blicken, zu dem auch Mike, der scheinbar keine Familie hat, eingeladen ist.


Der Kamerarückwärtsfahrt der Auftaktszene steht später eine Szene auf einem zugefrorenen See gegenüber, bei der Mike mit Kyle über dessen neue Freundin Marissa diskutieren, oder man sieht Mike, Kyle und Marissa bei einem Skiurlaub auf einem Sessellift. Immer wieder erscheint die Frau dabei ein Fremdkörper, der die Beziehung der beiden Männer stört. Mike will nämlich Kyle für sich allein haben, duldet niemanden neben sich und versucht folglich auch dessen Hochzeit zu verhindern.


Dennoch verzeiht der gutmütige Kyle, der nicht Nein sagen kann, seinem egoistischen Freund alles. Er nimmt ihn immer wieder auf, obwohl Mike im Grunde schwer zu ertragen ist, bis im Finale die Fahrradszene wieder aufgenommen wird und die Metapher von der Freundschaft und dem Leben als Kampf mit vielen Stürzen, nach denen man wieder aufstehen muss, explizit ausformuliert wird.


Der Echtzeit der einzelnen Episoden, deren Titel sich von "Let go – Lass los" über "Thanks" und "It´s Broken – Es ist gebrochen" bis "All Fine – Alles gut" spannen, stehen die teils großen Zeitsprünge zwischen diesen Momentaufnahmen gegenüber. Manchmal liegen nur Wochen, manchmal Jahre zwischen den Szenen, aber nie wird ein Wort darüber verloren, was in der Zwischenzeit passierte, dennoch ergibt sich dies ganz selbstverständlich.


Da wird bei einer Beerdigung sofort klar, dass sich die Beziehungen offensichtlich ganz anders entwickelt haben als geplant, auch die Ursache für einen eingegipsten Arm lässt sich leicht erschließen. So regt die elliptische Erzählweise auch die Fantasie des Zuschauers an, der die Leerstellen selbst in Gedanken füllen muss.


Gesteigert wird die Originalität noch durch den Musikeinsatz und unkonventionelle Einschübe. Amerikanische Schlager stehen da neben französischen Chansons, Arbeiter, die auf einem Friedhof ein Grab ausheben, beginnen plötzlich zu singen und ein Winterurlaub wird mit einem Skiballett eingeleitet.


Sein 2018 entstandener Kurzfilm "The Climb" diente Michael Angelo Covino zwar als Ausgangspunkt für seinen ersten Langfilm und wie einzelne Kurzfilme wirken auch die sieben Episoden, fügen sich durch die Querverbindungen aber zu einer geschlossenen Erzählung über zwei Männer, die ohne einander so wenig auskommen wie miteinander.


Unübersehbar ist dabei auch viel von der realen Freundschaft von Covino und Kyle Marvin eingeflossen. Sie spielen nicht nur mit sichtlichem Vergnügen die beiden ungleichen Protagonisten, die zudem noch ihre eigenen Vornamen tragen, sondern haben gemeinsam auch das Drehbuch geschrieben. Da findet Covino dann auch Platz seine Frankophilie unterzubringen, wenn er Mike an seinem Geburtstag allein ein Kino besuchen lässt, in dem ein Plakat Claude Sautets "César und Rosalie" ankündigt und er Pierre Etaix´ "Le grand amour – Wahre Liebe rostet nicht" ansieht.


Das große runde Meisterwerk ist "The Climb" sicher nicht, aber ein wunderbar unkonventioneller Film, frisch in der Form und voll schrägem, teilweise auch ruppigem Humor, der aber auch bewegend von Freud und Leid einer großen Freundschaft erzählt.

Läuft derzeit in den Schweizer und Deutschen Kinos. - Zum Beispiel im Kinok in St. Gallen und im Skino in Schaan. - Ab 3. September auch in den österreichischen Kinos


Trailer zu "The Climb"