• Walter Gasperi

The Assistant


Kitty Green deckt anhand der akribischen Schilderung eines Arbeitstags einer Assistentin im Büro einer Filmproduktionsfirma eindrücklich und beklemmend strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch auf. – Ein durch die aufs Wesentliche reduzierte Inszenierung und das großartige Spiel von Julia Garner dichter Blick auf eine toxische Arbeitswelt.


Am Morgen holt eine Limousine die junge Jane (Julia Garner) von ihrer Wohnung ab und bringt sie in ein Bürogebäude in Manhattan, am Abend wird sie als letzte das Büro verlassen. Auf diesen einen Arbeitstag beschränkt sich die Handlung des ersten langen Spielfilms der australischen Dokumentarfilmerin Kitty Green – und doch deckt sie dabei durch den intensiven und genauen Blick ein Netzwerk von struktureller Gewalt und Machtmissbrauch auf.


Nur kurz wird "The Assistant" das Büro verlassen, wenn Jane eine junge Frau im Taxi zu einem Hotel begleiten muss. Ganz auf die alltägliche Arbeit konzentriert sich Green, zeigt die College-Absolventin am Morgen beim Einschalten des Lichts, beim Kaffee Kochen, beim Kopieren und Nachfüllen des Papiers, beim Überprüfen von Listen, beim telefonischen Fixieren von Terminen oder auch beim Betreuen der Kinder des Chefs, wenn dessen Frau vorbeischaut.


Ganz aus der Perspektive von Jane erzählt Green. Durch die Nähe der Kamera, die Dominanz von langen statischen Einstellungen und das gerade in seiner Zurückhaltung intensive Spiel Julia Garners lässt sie den Zuschauer die zunehmende Beklemmung und Ohnmacht Janes geradezu physisch miterleben. Die kalte Atmosphäre, die schon das in grau und weiß getauchte Büro und das Neonlicht evozieren, wird noch verstärkt durch den Umgang der Mitarbeiter. Persönliche Kommunikation gibt es hier nicht, jeder macht seine Arbeit, gleichzeitig wird Jane aber auch immer wieder von ihren Kollegen auf eine Art schikaniert und gemobbt, die auch als dummer Scherz abgetan werden kann.


Im akribischen Blick und der trockenen Inszenierung, die durch den weitgehenden Verzicht auf Musik, verstärkt wird, ist die Herkunft Greens vom Dokumentarfilm spürbar. Sie bauscht nichts auf, lässt aber Jane durch Indizien zunehmend eine Ahnung vom Machtmissbrauch ihres Chefs, der unsichtbar bleibt, gewinnen.


Da findet sie in dessen Büro, das sie reinigen muss, einen Ohrring, den sie später einer jungen Frau zurückgibt. Sie hört, wie Geschäftspartner über die Couch witzeln, auf die niemand sitzen darf, und sich über eine Affäre des Chefs auf einem Filmfestival lachend unterhalten. Als eine junge Frau, obwohl sie keine Erfahrung hat, als weitere Assistentin eingestellt werden soll, erhärtet sich ihr Verdacht.


Beim Versuch den Missbrauch zu melden, wird aber sie selbst vom Personalchef in die Enge getrieben, da sie im Grunde ja nichts beweisen könne. Außerdem könne sie beruhigt sein, da sie "nicht sein Typ sei", merkt er abschließend zynisch an. Sichtbar wird hier auch, dass alle von den Aktionen des Bosses sehr wohl wissen, niemand aber dagegen einschreitet, sondern der Missbrauch stillschweigend akzeptiert wird.


So wird Jane nach dieser Meldung auch von ihrem Chef telefonisch schikaniert und darauf hingewiesen, dass sie doch Karriere machen wolle und sie sich per Mail für ihre Anschuldigungen entsprechend entschuldigen solle.


Differenziert deckt Green so auch die Abhängigkeiten auf, die Mitarbeiter schweigen lassen, obwohl sie den Missbrauch durchschauen. Eindrücklich spielt Garner diese Jane als zerrissene Frau, die einerseits das Verhalten ihres Chefs nicht toleriert und es aufdecken will, andererseits aber auch ihren Job behalten will.


Unübersehbar von Harvey Weinstein, dem mehr als 80 Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen und der im März wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung zu 23 Jahren Haft verurteilt wurde, ist die Figur dieses übermächtigen Filmbosses inspiriert. Green geht es aber nicht um die Nachzeichnung von dessen Vergehen, sondern vielmehr bietet die 35-jährige mit diesem bestechend trockenen und genauen Film einen grundsätzlichen Blick auf eine toxische, von Männern dominierte Arbeitswelt und den dort herrschenden Machtmissbrauch und zeigt eindrücklich, wie schwer dieser aufgrund von Abhängigkeiten zu durchbrechen ist.

Läuft derzeit in den österreichischen Kinos. - z.B. im Cinema Dornbirn

ab 22.10. in den Schweizer Kinos TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 19.11. - 23.11.


Trailer zu "The Assistant"