• Walter Gasperi

Systemsprenger


Mal ist die neunjährige Benni ganz ruhig, dann rastet sie wieder völlig aus, schlägt um sich und schreit. – Ganz auf Augenhöhe mit dem von Helena Zengel fulminant gespielten Mädchen erzählt Nora Fingscheidt in ihrem energetischen, vielfach preisgekrönten Spielfilmdebüt mitreißend und bewegend nicht nur vom Kampf der Betreuer um dieses schwierige wilde Kind, sondern weckt auch Verständnis für und tiefes Mitgefühl mit der durch frühkindliche Erfahrungen traumatisierten Protagonistin.


Schon mehrere Pflegemütter und Wohnheime hat die neunjährige Bernadette, die ihren Namen hasst und nur Benni genannt werden will, hinter sich, doch ins System lässt sie sich immer noch nicht einpassen. Nach außen entspricht sie mit ihren langen blonden Haaren zwar dem Klischee vom süßen, engelhaften Mädchen, doch immer wieder haut sie ab, prügelt sich dann auf den Straßen mit anderen Kindern, klaut in einem Geschäft eine Handtasche oder packt in der Schule den Kopf ihrer Sitznachbarin und schlägt ihn mehrmals auf den Tisch.


Einfach nicht zu bändigen ist dieses Mädchen, kann in seiner Wut auch einen Bobby Car mehrmals gegen eine Glastür schleudern, bis selbst das Sicherheitsglas bricht. Aber dann kann Benni auch wieder ganz ruhig und zärtlich sein.


Hautnah klebt die Kamera von Yunus Roy Imer an der von Helena Zengel sensationell gespielten Protagonistin. Mit wilden Handkamerabewegungen, dynamischem Schnitt und schriller Musik kehrt Nora Fingscheidt in ihrem Spielfilmdebüt die Wut und Aggression Bennis nach außen. Bildfetzen, die teilweise auf Farbkleckse reduziert sind, deuten den Einbruch traumatischer Erinnerungen an, die zu Bett nässen führen. Keine bewusst handelnde Person ist diese Neunjährige, sondern rastet im wahrsten Sinne des Wortes aus, ist mehr Opfer als Täterin.


Verständnis und tiefes Mitgefühl mit dem Mädchen, um das sich die Betreuer intensiv bemühen, es aber nicht therapieren können, weckt der Film. Eine frühkindliche Erfahrung wird einmal als Ursache für die Unkontrolliert und die Aggressionsausbrüche angeführt, davon abgesehen bleibt der Film aber ganz in der Gegenwart Bennis, folgt den Versuchen ihrer Therapierung, macht aber auch ihre grenzenlose Sehnsucht nach der Mutter (Lisa Hagmeister), die mit diesem Kind völlig überfordert ist, erfahrbar.

Während die Mutter, die noch zwei Kinder hat, immer wieder Versprechungen macht und sie dann doch nicht hält, schließt sie der Anti-Gewalt-Trainer Micha (Albrecht Schuch) sofort ins Herz, schlägt zur Therapierung einen längeren Aufenthalt mit ihr in einer Hütte im Wald vor. Auch hier bleiben Ausbrüche von Wut und Aggression nicht aus, doch scheint sich Benni schließlich zu wandeln: Bei Arbeiten im Wald kann sie sich austoben, wird am Lagerfeuer ganz ruhig, schreit auf einem Hügel ihre Sehnsucht nach der Mutter hinaus, muss aber zutiefst enttäuscht erkennen, dass kein Echo zurückkommt.


Im Gegensatz zu den meisten Filmen, die von einem langsamen Genesungsprozess erzählen, verweigert Fingscheidt dem Zuschauer aber die Erlösung. Da mag sich Benni – und mit ihr der Zuschauer – über die Aufnahme bei einer Pflegemutter freuen, doch bald darauf agiert sie auf einem Eislaufplatz wieder extrem aggressiv…


Kein Wohlfühlkino ist das, sondern ein schonungslos realistisches und intensives Porträt. So sehr Benni dabei aber auch im Mittelpunkt steht, so genau ist doch auch Fingscheidts Blick auf die beteiligten Personen. Man spürt die Herkunft der 36-jährigen Regisseurin vom Dokumentarfilm und die intensive Recherche, für die sie sich fünf Jahre Zeit ließ.


Auch Bennis Mutter erscheint hier nicht als verantwortungslose Täterin, sondern als psychisch angeschlagene Frau, die mit diesem wilden Kind, das auch ihr gegenüber aggressiv werden kann, einfach überfordert ist. Die Sozialarbeiterin (Gabriel Maria Schmeide), die sich verzweifelt bemüht, für Benni stets neue Wohnheime und Lösungen zu finden, droht schließlich an den zahlreichen Misserfolgen zu zerbrechen und der Anti-Gewalt-Trainer kommt in ein Dilemma, weil einerseits Nähe nötig ist, andererseits Benni bald zu klammern versucht, zu nahen Kontakt anstrebt und in sein Privatleben eindringt.


Nicht nur ein ungewöhnliches Thema hat Fingscheidt für ihr Debüt gewählt, sondern auch eine kongeniale Form gefunden. Mitreißend kehrt sie die Befindlichkeit Bennis mit der rohen Form und der energetischen, selbst ausrastenden und wilden Inszenierung immer wieder nach außen, macht aber auch in den ruhigen Szenen intensiv die tiefe Sehnsucht dieses Mädchens, das in der Sprache der Jugendhilfe als „Systemsprenger“ bezeichnet wird, nach Geborgenheit, Nähe und vor allem nach der Mutter spürbar. – Das ist kraftvolles Kino, das Sympathie und tiefes Mitgefühl nicht nur für Benni, sondern für solche wilden Kinder insgesamt weckt und auf sie in Zukunft vielleicht anders blicken lässt.


Läuft derzeit im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: 16. 10., 18 Uhr + 17.10., 19.30 Uhr - jeweils mit Diskussion mit Experten

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 6. bis 8.11.


Trailer zu "Systemsprenger"