• Walter Gasperi

Sweat


Hautnah folgt Magnus von Horn in seinem zweiten Spielfilm einer Fitfluencerin drei Tage lang mit der Kamera. Konzentriert inszeniert und herausragend gespielt von Magdalena Kolesnik entwickelt sich ein dichtes Drama über Sein und Schein in der Social-Media-Welt.


Als Fitfluencerin reißt die junge Sylwia (Magdalena Kolesnik) mit ihren Moves und Trainingstipps die Besucher eines Einkaufszentrums mit. Die nah geführte, dynamische Handkamera von Michal Dymik und der energische Schnitt übertragen die Energie und Kraft ihrer Performance direkt auf den Zuschauer.


Als starke, junge Frau, die keine Schwäche hat erscheint diese Fitnesstrainerin, auch ihr pinkes Outfit und die kräftigen Farben strahlen Lebensfreude und Energie aus. Ein Star der Szene ist Sylwia, muntert nach ihrer Performance nicht nur ihre Fans auf, sondern macht auch bereitwillig Selfies mit ihnen. Nichts darf hier das Bild stören, auch der Körper muss perfekt gestylt sein von den langen blonden Haaren über die strahlend blauen Augen bis zu den verschieden farbigen langen Fingernägeln. Dass ihr Körper manchmal auch schmerzt, zeigt sie nur in der Garderobe also quasi hinter verschlossenen Türen ihrem Betreuer.


Ob sie mit ihrem Hund Jackson einen Spaziergang macht oder zuhause einen Shake zubereitet – ständig hat sie das Handy bei der Hand, um ihre Aktivitäten zu filmen und ihr Privatleben via Instagram und Youtube öffentlich zu machen. So steigert sie nicht nur ihre Berühmtheit, sondern ist freilich auch Werbeträger, wenn sie beim Mixen des Shakes auch ihren Sponsor ins Spiel bringt. Gespielt wird dabei aber nach genauen Regeln, denn wenig Verständnis haben die Sponsoren dafür, dass Sylwia ein Video postet, in dem sie sich schwach zeigt, weint, über ihre Einsamkeit und ihre Sehnsucht nach einem Partner spricht.


Wie Magnus von Horn und Michal Dymik im dynamischen Auftakt die Energie Sylwias vermitteln, so machen sie in distanzierten Totalen, in denen die junge Frau allein im Bett liegt oder mit Jackson unterwegs ist, auch ihre Einsamkeit erfahrbar. Ein Manager kümmert sich zwar um ihre Termine und beim Einkauf mag sie eine wildfremde Frau – oder ist es eine ehemalige Mitschülerin? – zwar ansprechen und sie auf einen Kaffee einladen, doch Freunde scheint sie trotz ihrer rund 600.000 Follower keine zu haben.


Nie sieht man sie bei einem privaten Gespräch. Auch bei der Geburtstagsfeier ihrer Mutter wirkt sie wie ein Fremdkörper. Große Geschenke bringt sie zwar, aber keine Empathie zeigt Sylwia gegenüber dem neuen Freund der Mutter. Bewundert wird sie zwar von den Verwandten, doch kühle Distanz bestimmt die Feier und statt zu Herzlichkeit kommt es bald zu einem Streit.


So sehr sie sich bemüht medial präsent zu sein und wahrgenommen zu werden, so sehr beunruhigt sie auch ein Mann, der sie in Realität zu beobachten scheint und den sie stellt, als er vor ihrer Wohnung im Auto masturbiert. Im Innersten fühlt sie sich diesem Einsamen wohl nahe, scheint selbst aber zu einer Beziehung nicht fähig, nimmt einen ihrer Betreuer nach einer Party zwar mit in ihre Wohnung, wirft ihn dann aber wieder hinaus.


In einer Fernsehsendung gibt sie gegenüber der Moderatorin berührend ihr Inneres preis, erzählt von ihrer Schwäche und Zerbrechlichkeit, um unmittelbar danach aber wieder eine perfekte Fitness-Show hinzulegen und dabei Stärke und Energie zu vermitteln.


Wie ein Dokumentarfilm wirkt "Sweat" teilweise und man spürt, dass der in Schweden geborene, aber in Polen arbeitende und lebende Magnus von Horn für seinen zweiten Spielfilm genau recherchiert hat. Große Dichte entwickelt sein Film nicht nur durch den konzentrierten Blick auf die von Magdalena Kolesnik mit großem Engagement und Leidenschaft gespielte Protagonistin, sondern auch durch die Beschränkung der Handlung auf drei Tage. Nichts erfährt man über Sylwias Vorgeschichte, keine Nebenhandlung gibt es, sondern nur das Hier und Jetzt. In jeder Szene ist die Fitfluencerin präsent, wie es in ihrem Leben keine Bezugsperson gibt, gibt es auch im Film neben ihr keine Figuren, die Profil gewinnen.


Bestechend, aber nie aufdringlich arbeitet von Horn an seiner Protagonistin so das Spannungsfeld von äußerem Bild und innerer Befindlichkeit heraus, macht deutlich, wie in sozialen Medien vielfach etwas vorgespielt wird, bis der Druck zu groß wird und man in Ermangelung persönlicher Beziehung seine innersten Gefühle der youtube- und Instagram-Öffentlichkeit preisgibt.


Da mag man zunächst skeptisch und distanziert auf diese emotionale Exhibitionistin blicken, am Ende empfindet man doch Empathie für sie und gleichzeitig schließt von Horn überzeugend den Bogen zum Anfang, wenn er "Sweat" wieder mit einer Fitness-Show beendet. Als Zuschauer ist man sich nun aber bewusst ist, dass hinter der scheinbar toughen Fitnesstrainerin und der perfekten Oberfläche eine zerbrechliche und einsame junge Frau steckt.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "Sweat"