• Walter Gasperi

Supereroi – Una storia d´amore


Sind Superkräfte nötig, damit eine Beziehung über Jahrzehnte hält? – Leichthändig und mit sympathischen Schauspieler*innen, aber auch in allzu glatter Werbeästhetik und mit wenig zielführender, achronologischer Erzählweise thematisiert Paolo Genovese diese Frage.


Romantisch ist die Auftaktszene, in der Anna (Jasmine Trinca) und Marco (Alessandro Borghi) im nächtlichen Regen in einem Durchgang Zuflucht suchen. Gegensätze prallen hier mit dem Physiker, der die Durchnässungsgeschwindigkeit durchrechnet und der impulsiven Comiczeichnerin aufeinander. Im Dialog zwischen ihnen spürt man, wie sie sich auf Anhieb sympathisch sind und die blendend harmonierenden und natürlich und frisch agierenden Jasmine Trinca und Alessandro Borghi lassen die Sympathie für diese Charaktere auch auf die Zuschauer*innen überspringen.


Für Romantik sorgen aber auch die warmen Brauntöne und die Lichtsetzung. So stimmungsvoll dieses Streben nach dem schönen Bild im Auftakt ist, so störend wirkt es freilich auf Dauer, wenn beinahe jede Szene in warme Farben und Licht getaucht ist und jede Einstellung aufgeräumt wirkt. Auch wenn eine Szene mal im Winter spielt, fällt Schnee wie im Märchen. Mit dieser Hochglanzästhetik verabschiedet sich das reale Leben aus diesem Liebesdrama und man fühlt sich in einen Werbeclip oder eine TV-Soap versetzt.


Verstärkt wird dieses Gefühl durch zwar durchaus schön anzusehende, aber eben auch allzu glatte und aufpolierte Urlaubsszenen vom Markt in Marrakesch oder sommerliche Szenen auf einer Insel – wohl Capri – und dem umliegenden Meer oder ein kurzer Moment an einem oberitalienischen See. Augenfutter soll hier dem Publikum geboten werden, doch nichts verbirgt sich hinter dem schönen Schein.


An Werbeclips erinnert aber auch der Einsatz zahlreicher Hits, die teilweise nur kurz angespielt werden, von "Downtown" über "Santa Claus Is Coming to Town" und "Born to Be Alive" bis zu "Crazy Little Thing Called Love". Zwar gelingt es Paolo Genovese damit Stimmung zu erzeugen, doch insgesamt wikt dieser Musikeinsatz zu kalkuliert.


Durchaus in die Tiefe will der 56-jährige Italiener mit der Wahl eines Physikers und einer Comiczeichnerin gehen. Denn während er zunächst in den Vorlesungen die Existenz der Zeit negiert, sie später aber akzeptiert und in einem physikalischen Versuch über menschliche Anziehungskraft und Distanz reflektieren lässt, verarbeitet sie ihre persönlichen Erfahrungen und Ängste in ihren Comics.


Als Superhelden zeichnet Anna darin sich und Marco, denn Superkräfte sind scheinbar nötig, um die Liebe und die Beziehung über Jahrzehnte am Leben zu erhalten. Und weil es um die Zeit und die Veränderung der Beziehung im Laufe der Zeit geht, erzählt Genovese auch nicht chronologisch, sondern wirbelt wild unterschiedliche Phasen der Beziehung durcheinander.


Vom Ansatz her ist das durchaus interessant, doch aufgehen wollen die zahlreichen Zeitsprünge nicht, sondern sorgen mehr für Verwirrung als einen tieferen Einblick in die Dynamik der Beziehung zu bieten. Was bringt es, wenn Marcos Jahre zurückliegende Herzoperation mit Annas wesentlich späterer Erkrankung parallel geschaltet wird? Mit der Hochzeit von Freunden oder der Geburt von deren Kindern werden andere Lebenswege vorgestellt, doch wenig wird weitergeführt, vieles nur angerissen. Stückwerk bleiben die einzelnen Szenen und fügen sich nie zu einem geschlossenen Ganzen.


Darüber können auch Jasmine Trinca und Alessandro Borghi, die Anna und Marco mit sichtlicher Liebe und Leidenschaft verkörpern nicht hinwegtäuschen. Denn so überzeugend sie auch spielen, so sehr raubt ihnen doch die achronologische Erzählweise mit ihren häufigen Zeit- und Szenenwechseln die Möglichkeit intensive Gefühle beim Publikum aufkommen zu lassen. Andererseits ist freilich auch nicht zu übersehen, dass wohl einzig die komplexe Erzählweise ein Abgleiten dieses von Amazon Prime und dem Berlusconi-Unternehmen Medusa produzierten Liebesdramas in eine reine TV-Soap verhindert oder eben den Kitsch kaschiert.

Supereroi – Una storia d´amore Italien 2021 Regie: Paolo Genovese mit: Jasmine Trinca, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Vinicio Marchioni Länge: 126 min.


Läuft derzeit in den österreichischen Kinos, z.B. im Feldkircher Kino Rio (18.7. bis 21.7.)


Trailer zu "Supereroi – Una storia d´amore"