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  • AutorenbildWalter Gasperi

Subtraction


Ein Teheraner Paar stößt auf seine Doppelgänger. – Mani Haghighi entwickelt aus dieser Ausgangssituation einen fesselnden Thriller um Identität, aber auch um die Rolle von Schein und Sein in einem autoritären Regime.


Vom ersten bis zum letzten Bild geht in "Subtraction" ein nahezu ununterbrochener Dauerregen über Teheran nieder. – Offen bleibt, ob dies ein Kommentar zum Klimawandel ist, wie man ihn aus einer Bemerkung zum Schmelzen der Eiskappe am Nordpol ableiten könnte, oder eine Metapher für die bedrückende gesellschaftliche Stimmung.


Großteils nur verschwommen sieht man so jedenfalls hinter den verregneten Autoscheiben die Menschen, wenn die Kamera von Morteza Najafi in langer Fahrt einen Stau abfährt. Schon in diesem Auftakt kann man ein Spiel mit der Identität sehen. Vom Allgemeinen aufs Konkrete verengt Mani Haghighi den Blick, wenn er mit einem Schnitt in den Wagen der Fahrlehrerin Farzaneh (Taraneh Alidoosti) springt, die mit einer Fahrschülerin unterwegs ist.


Als Farzaneh irritiert ihren Mann Jalal (Navid Mohammadzadeh) auf der Straße sieht, steigt sie abrupt aus dem Wagen, folgt Jalal im Bus und beobachtet schließlich, wie er in einem vornehmen Wohnhaus eine Frau trifft. Als sie Jalal zuhause darauf anspricht, erklärt er, dass er nie am angegebenen Ort, sondern aus beruflichen Gründen anderswo gewesen sei und äußert die Vermutung, dass seine psychisch labile Frau eine Halluzination gehabt habe, da sie ihre Tabletten aufgrund ihrer Schwangerschaft abgesetzt hat.


Als Farzaneh aber nicht locker lässt, geht er selbst zum fremden Haus und muss feststellen, dass ihm mit Bita eine Frau die Tür öffnet, die genauso aussieht wie Farzaneh, während er eine – zumindest äußerliche – Kopie ihres Mannes Mohsen ist. Bald bekommt auch Farzaneh Einblick in die Doppelgängersituation. - Nur Mohsen wird darüber nicht informiert und gespannt sein darf man, wie dieser Choleriker auf diese Erkenntnis reagieren wird.


Elegant gefilmt und langsam, aber sehr konzentriert entwickelt Haghighi die Handlung dieses faszinierendes Vexierspiels. Geschickt lässt er mit den beiden Paaren nicht nur unterschiedliche Milieus, sondern auch unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. Da sind auf der einen Seite die in bescheidenen Verhältnissen lebenden Jalal und Farzaneh, Mohsen und Bita auf der anderen Seite leben dagegen in einer modern eingerichteten und geräumigen Wohnung mit großem Flachbildschirm und neuer Küche und laden zahlreiche Gäste zu einer Party ein.


Dem einfachen Arbeiter Jalal steht so der erfolgreiche Geschäftsmann Mohsen gegenüber und der – auch aufgrund der Schwangerschaft - leicht reizbaren Farzaneh die sanfte Bita. Während Mohsen und Bita schon einen sechsjährigen Sohn haben, der für Fußball schwärmt, mit der Playstation spielt und sichtlich FC Barcelona-Fan ist, erwarten Jalal und Farzaneh erst ihr erstes Kind.


Unerklärlich und unheimlich ist allen die Doppelgängerschaft, dennoch ergeben sich nähere Kontakte. Vor allem Jalal, der im Gegensatz zum aggressiven und gefühlskalten Mohsen sehr sanft und liebevoll ist, und Bita kommen sich näher. Er bietet schließlich auch an, an der Stelle von Mohsen sich im Krankenhaus bei einer Familie zu entschuldigen, deren Vater Mohsen brutal niedergeschlagen hat. Durch eine Entschuldigung wird nach iranischem Recht das Strafausmaß nämlich deutlich gesenkt, Mohsen selbst lehnt aber jede Entschuldigung entschieden ab.


Spannend ist es zu verfolgen, wie Haghighi in linearer, aber kunstvoller Erzählweise die Verknüpfungen zwischen beiden Paaren langsam, aber sukzessive weitertreibt. Vertrauen kann er dabei auch auf die beiden großartigen Hauptdarsteller:innen Taraneh Alidoosti und Navid Mohammadzadeh, die in ihren Doppelrollen, eindrücklich die Unterschiede der äußerlich identen Charaktere vermitteln.


Fehlen dabei zunächst auch immer wieder Momente leisen Humors nicht, so zieht Haghighi im Finale die Zügel sukzessive an und was als sanfter Mystery-Thriller begann, wandelt sich zum düsteren und wendungsreichen Film noir, in dem auch heftige Momente nicht fehlen.


In diesem Finale wird unübersehbar und offen Kritik an einer Oberschicht geübt, die es sich mit allen Mitteln richtet und deren Opfer die einfachen Leute sind, doch auch im Doppelgängermotiv kann man einen Kommentar zum iranischen Regime sehen. Hier werden mit dem Auftauchen des Doubles nicht nur Fragen nach der eigenen Identität und Unverwechselbarkeit aufgeworfen, sondern man kann darin auch eine Anspielung darauf lesen, dass in einem autoritären Regime niemand mehr er selbst ist, sondern immer wieder gesellschaftlich gewünschte Rollen spielt.


Auch Haghighi selbst äußert sich in dieser Richtung: "Dieses Thema gab mir also die Möglichkeit, darüber zu reden, wie man im Iran immer ein Doppelleben führt, weil es so viele Tabus gibt, so viele Gesetze gegen normale, natürliche Dinge, die man eigentlich machen möchte. Man macht die Dinge also, aber man braucht ein zweites Gesicht, eine Maske, mit der man vorgibt, diese Dinge nicht zu tun. Eigentlich führt man also sowieso ständig ein Doppelleben in einer Gesellschaft wie der unseren. Somit ist es also ein Film über ein privates Leben und eine öffentliche Maske." (trigon Magazin 98, 08/2023)


Einzig ein Kind scheint man in diesem bis zur letzten Szene fesselnden Thriller nicht hinters Licht führen zu können, denn dieses scheint instinktiv und untrüglich zu wissen, wer seine Mutter und wer nur eine Doppelgängerin ist.



Subtraction Frankreich / Iran 2022 Regie: Mani Haghighi mit: Taraneh Alidoosti, Navid Mohammadzadeh, Ali Bagheri, Vahid Aghapour, Soheyla Razavi, Gilda Vishki, Farham Azizi, Saeed Changizian, Esmail Poor-Reza Länge: 107 min.



Läuft in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "Subtraction"



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