• Walter Gasperi

Streaming: The Giant


Das Ballspiel Boule ist das ganze Leben des in seiner körperlichen Deformation an David Lynchs "Elephant Man" erinnernden Rikard. Immer wieder wird er gemobbt, hat aber in seinem Boule-Partner Roland auch einen echten Freund. – Das bewegende, zwischen quasi-dokumentarischen Szenen und poetischer Traumwelt pendelnde schwedische Kleinod kann in der Schweiz und in Liechtenstein bei Outside the Box gestreamt werden.


Nicht nur körperlich deformiert ist der fast 30-jährige Rikard (Christian Andrén), sondern auch kleinwüchsig und sein Sprachvermögen ist auf ein Minimum reduziert. Sein Vater ist unbekannt, seine Mutter fiel nach Rikards Geburt in eine Psychose und lebt als Messie mit einem Kakadu in einer verdreckten Wohnung. Sie schottet sich ab und hat keinen Kontakt zu ihrem Sohn, der sich gleichwohl nach nichts mehr sehnt als nach ihr.


Aus dem Heim, in dem Rikard mit anderen Menschen mit Behinderung lebt, büchst er an seinem Geburtstag aus, fährt mit seinem Dreirad zum Wohnblock, in dem seine Mutter lebt, spielt ihr vor der Wohnungstür mit der Mundharmonika ein Ständchen und wirft ihr eine Einladung zu seiner Geburtstagsparty durch den Briefschlitz. Nur kurz berühren sich ihre Finger, dann bringen die Pfleger Rikard wieder ins Heim, wo sein Geburtstag gefeiert wird und er von seiner Boule-Mannschaft drei eigens angefertigte goldene Kugeln erhält.


Nach einem Unfall, bei dem Rikard beim Training so eine Kugel am Kopf traf und er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, wollte die Mannschaft ihn - angeblich um weitere Unfälle zu verhindern - nicht zur nordischen Meisterschaft mitnehmen. Jetzt aber erlaubt man ihm doch mit seinem Freund Roland, der immer zu ihm hält, mit nach Kopenhagen zu fahren und als eigenes Zweier-Team anzutreten.


Die klassische Geschichte vom Underdog, der sich gegen scheinbar übermächtige Gegner zu behaupten versucht, wird hier auf der einen Seite erzählt, aber die formale Gestaltung weicht doch deutlich von üblichen Spielfilmen ab. Mit bewegter und nah geführter Handkamera verleiht Johannes Nyholm seinem ersten, schon 2016 entstandenen Spielfilm einen dokumentarischen Look. Authentizität und Unmittelbarkeit entwickelt der Film in dieser Bildsprache, die nicht auf perfekte Einstellungen abzielt.


Ganz auf Augenhöhe ist Nyholm damit mit seinem Protagonisten, führt ihn nie voyeuristisch vor, sondern vermittelt bewegend Einblick in dessen Befindlichkeit. Bitteren Spott versprüht der Film dabei auch über die Ärzteschaft, wenn Rikard - kaum anders wie der "Elephant Man" John Merrick auf dem Jahrmarkt - in der Klinik von einem Arzt Medizinstudenten als Attraktion des Tages präsentiert wird.


Dem Mobbing durch drei Männer an einer Bahnstation oder im Kreis der sportlich-muskulösen Athleten beim finalen Wettkampf stehen dabei die fördernde Gemeinschaft durch seine Mitbewohner im Heim und der bedingungslose Einsatz Rolands für ihn gegenüber.


Überlagert wird dies aber von der grenzenlosen Liebe Rikards zu seiner Mutter, der er seine zahlreichen Pokale geschenkt hat, der er beweisen möchte, was er kann und aus deren Bild er – auch das eine Reminiszenz an "The Elephant Man" - immer wieder innere Ruhe und Kraft schöpft.


Grenzenlos sentimental ist "The Giant", aber nie verlogen, sondern wirkt echt in seinen Gefühlen und kehrt auch in Traumsequenzen, in denen der kleine Rikard als riesenhafter Troll durch weite skandinavische Landschaften streift und die Erde zum Beben bringt, die Sehnsüchte seines so fragilen wie liebenswürdigen Protagonisten nach außen.


Mehr noch als diese Verbindung von dokumentarisch-realistischer Alltagsschilderung und poetischen Traumsequenzen sind es aber das Spiel von Christian Andrén, dessen Maske sich wohl gezielt an "The Elephant Man" orientiert, und vor allem die Haltung und die tiefe Menschlichkeit, die Nyholm an den Tag legt und propagiert, die diese über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanzierte Low-Budget-Produktion zu einem zutiefst bewegenden Kleinod machen.


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Trailer zu "The Giant"