• Walter Gasperi

Streaming: Sauvage


Der Alltag eines jungen Strichers zwischen Verkauf des Körpers und Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit.- - Camille Vidal-Naquets hautnahes und intensives Debüt, das von einem überragenden Félix Maritaud getragen wird, kann im Salzgeber Club (Österreich / Deutschland) und bei Filmingo (Schweiz / Liechtenstein) gestreamt werden.


Nah ist die Kamera von Jacques Girault am jungen Mann, der nur im Presseheft Léo genannt wird, im Film aber namenlos bleibt, bei der scheinbaren Untersuchung durch einen Arzt. Dokumentarisch wirkt die Szene, die plötzlich kippt, als sich der vermeintliche Arzt als Kunde des 22-jährigen Strichers entpuppt.


Abrupt ist dieser Einstieg, aber auch in der Folge wird man nichts über die Biographie Léos erfahren. Ganz im Hier und Jetzt bleibt Camille Vidal-Naquet, er beschränkt sich darauf seinem Protagonisten durch den Alltag zu folgen, spart auch die Welt außerhalb des Strichermilieus komplett aus.


An den Ausfallstraßen von Straßburg wartet er am Abend auf Kunden. Unterschiedliche Erfahrungen macht er mit Freiern vom älteren Herrn, der nur jemanden zum Kuscheln sucht bis zu zwei gewalttätigen jüngeren Typen, die Leo nach seiner Sexarbeit nicht bezahlen wollen.


Explizit sind die Sexszenen, doch nie voyeuristisch und auch jede Beschönigung dieser Welt liegt Vidal-Naquet fern. Man spürt, dass der 48-Jährige drei Jahre lange bei Pariser Sexarbeitern recherchierte, dass er weiß, wovon er erzählt. Große Kraft entwickelt "Sauvage" so durch den realistisch-schmutzigen Look, durch den Zugriff auf Léo mit schnellen Zooms, durch eine unruhige Handkamera, die dem jungen Mann wie bei den Dardenne-Brüdern immer wieder im Rücken durch die Straßen folgt.


Feste Bleibe hat Léo nicht. Er schläft auf der Straße, im Park oder im Wald und verbringt den Tag mit Crack und Crystal Meth in der Wohnung von Bekannten. Im Gegensatz zu seinen Kollegen bringt er aber immer auch Gefühle in seine Sexdienste und sieht in den Kunden kaum je nur Kunden, sondern immer auch Menschen. So roh das Milieu sein mag, so zärtlich ist "Sauvage" im Blick auf Léo und seine unstillbare Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit.


In dieser Sehnsucht legt er nicht nur beim verwitweten alten Mann seinen Kopf auf dessen Brust, sondern umarmt auch eine Ärztin, der er wegen seiner Hustenanfälle aufsucht. Seine große Liebe ist aber sein Kollege Ahd, der ihn aber immer wieder zurückweist, sich maskulin gibt und erklärt, dass er nicht schwul sei.


Während Ahd die Prostitution einzig als Möglichkeit sieht, Geld für ein besseres Leben zu verdienen, denkt Léo nicht an die Zukunft, ist mit diesem Leben als Stricher zufrieden, auch wenn er Mülleimer durchwühlen oder Lebensmittel stehlen muss, um zu überleben.

Eine dramatische Kinohandlung stellt sich hier kaum ein, vielmehr geht es um die hautnahe Vermittlung eines Charakters. Teilhaben lassen will Vidal-Naquet den Zuschauer mit seiner zupackenden, unmittelbaren und ungeschönten Inszenierung am Alltag Léos. So nah ist die Kamera dabei immer wieder an dessen Körper, dass man jede Pore der Haut und jedes Haar sieht.


Getragen wird dieses Porträt aber von einem überragenden Félix Maritaud, der diesen Léo mit enormem Körpereinsatz und physischer Präsenz spielt. Intensiv kehrt er nicht nur dessen Sehnsüchte nach außen, sondern vermittelt auch dessen Verlangen nach Ungebundenheit, nach einem Leben jenseits der bürgerlichen Norm.


Streaming bei filmingo (Schweiz / Liechtenstein) und Salzgeber Club (Österreich / Deutschland)


Trailer zu "Sauvage"