• Walter Gasperi

Streaming: Oleg


Ein junger lettischer Metzger emigriert auf der Suche nach Arbeit nach Belgien, doch was folgt ist ein unaufhaltsamer Abstieg. - Juris Kursietis´ mit unruhiger Handkamera gedrehter und in kalte Winterfarben getauchter Mix aus beklemmendem Sozialdrama und Thriller wird bei mubi.com zum Streaming. angeboten.


Die Kamera gleitet im Flug über eine winterliche Waldregion, bis sie einen auf der Schneefläche eines zugefrorenen Sees liegenden Mann entdeckt. Im Voice-over erinnert sich dieser an die Erzählung seiner Oma vom Opferlamm, als plötzlich das Eis zu brechen beginnt und er im Eiswasser versinkt.


Eingestimmt wird der Zuschauer durch diesen metaphorischen Auftakt auf eine Passionsgeschichte, die mit der Ankunft des jungen Metzgers Oleg (Valentin Novopolskij) in Belgien einsetzt. Hautnah folgt die Kamera von Bogumil Godfrejow dem Mann, den Schulden aus seiner Heimat vertrieben haben und der sich im Westen ein besseres Leben erhofft. In jeder Szene ist er präsent, konsequent aus seiner Perspektive erzählt Juris Kursietis.


Die dynamischen Bewegungen der Kamera und die vielen Schwenks zwischen den Figuren verleihen "Oleg" ebenso eine dokumentarische Qualität wie der ungeschönte Blick auf die Arbeits- und Lebenswelt dieses Arbeitsmigranten. Findet Oleg zunächst noch einen Job in einem Schlachthaus, verliert er diesen, nachdem ein Kollege ihm die Schuld an einem Arbeitsunfall gegeben hat. Aufnahme findet der freundliche, aber auch sehr naive und unbeholfene Oleg zwar beim Polen Andrzej, doch dieser macht ihn durch Abnahme seines Passes quasi zu seinem Gefangenen.


Andrzej bietet Oleg zwar Unterkunft in seinem halbfertigen Haus, bezahlt ihn aber für seine Arbeiten nicht und will ihn schließlich für kriminelle Aktionen einspannen. Zunächst versucht sich Oleg diesem Kriminellen zu entziehen, doch die Isolation aufgrund fehlender sozialer Kontakte und mangelnder Sprachkenntnisse treibt ihn immer wieder in Andrzejs Hände. Dieser demonstriert dabei mit Brutalität auch immer wieder seine Übermacht und drängt Oleg in zunehmend größere Abhängigkeit.


Um die Weihnachtszeit spielt Kursietis´ zweiter Spielfilm zwar, doch der stets wolkenverhangene Himmel verbreitet ebenso wie die Blau- und Grautöne sowie das kalte weiße Licht und die tristen Wohnbedingungen zunächst in einer Unterkunft für Arbeitsmigranten, dann im halbfertigen Haus von Andrzej eine beklemmende Atmosphäre.


An die Brüder Dardenne erinnert "Oleg" in seinem direkten und zupackenden Stil und seinem dichten Blick auf die Ränder der Gesellschaft. Auch der weitgehende Verzicht auf Musik unterstützt die Evokation dieser lebensfeindlich-düsteren Welt. Ruhig wird dieses dichte Drama nur, als sich Oleg in einen Empfang für eine lettische Schauspieltruppe einschleicht und schließlich eine Nacht in der modernen Wohnung einer reichen Landsfrau verbringt. Hier geht die Kamera für einmal auf Distanz und beobachtet das Geschehen in einer langen statischen Einstellung. Als Oleg freilich gesteht, dass er nur ein einfacher Metzger ist, will sie ihn sogleich wieder loswerden und droht mit der Polizei.


Unterbrochen wird diese formal und inhaltlich konsequente Schilderung eines scheinbar unaufhaltsamen Abstiegs ins Bodenlose durch das wiederkehrende Traumbild vom Ertrinken im See, dessen Kälte durch eisiges Blau geradezu spürbar wird. Etwas aufgesetzt wirken diese Szenen allerdings, die zudem mit sakraler Musik unterlegt werden. Und auch die Geschichte vom Opferlamm wird bei einem zufälligen Besuch Olegs in der Genter St. Bavo-Kathedrale beim Blick auf den Lamm Gottes-Alter der Brüder van Eyck wieder aufgenommen. Auch diese Szene wird von sakraler Musik begleitet.


Doch auch wenn diese religiöse Unterfütterung der Durchschlagskraft dieses kompromisslosen Mix aus dichtem und packendem Sozialdrama und Thriller mehr schadet als nützt, denn letztlich wird die Opferthematik auch nicht konsequent zu Ende geführt, so wird man diesen Film, der so stark in einer Realität, in die man sonst kaum Einblick bekommt oder vor der man die Augen lieber verschließt, doch nicht so schnell vergessen. Und mit Juris Kursietis stellt sich ein Regisseur vor, dessen Namen man sich merken und dessen weitere Entwicklung man im Auge behalten sollte.


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Trailer zu "Oleg"