• Walter Gasperi

Streaming: Im Reich der Sinne


1976 sorgte Nagisa Oshima mit der kompromisslosen Schilderung einer - schließlich zerstörerischen - sexuellen Beziehung für einen Skandal. Filmingo.ch bietet den berühmtesten Film des "japanischen Godard", der auch 45 Jahre nach seiner Uraufführung mit seinen expliziten Sexszenen verstören kann, ebenso wie den zwei Jahre später entstandenen "Im Reich der Leidenschaft" zum Streaming an.


Als der Film, an dessen Ende die Frau ihren Partner beim Geschlechtsverkehr auf dessen Wunsch stranguliert, um die Lust zu steigern, anschließend dessen Penis abschneidet und mit den abgetrennten Genitalien vier Tage lang durch die Straßen Tokios zieht, ist "Im Reich der Sinne" in die Filmgeschichte eingegangen.


Dass Nagisa Oshimas Klassiker auf einem wahren Fall aus dem Jahre 1936 beruht, erfährt man aber ebenso erst im Nachspann, wie den Umstand, dass die Geisha Sada (Eiko Matsuda) durch die Straßen Tokios zog und von der Polizei aufgegriffen wurde. Die Erzählung an sich endet mit der Trennung des Paares durch den Tod Kichis (Tatsuya Fuji) und ganz auf diese Beziehung konzentriert sich Oshima.


Außer dass Schulden ihres Freundes Sada gezwungen haben, im Geisha-Haus Kichis als Prostituierte zu arbeiten, erfährt man nichts über ihre Vorgeschichte. Benützt Kichi die junge Frau zunächst wie seine anderen Prostituierten für Sex, verfällt er bald ebenso Sada wie sie ihm und es entwickelt sich eine leidenschaftliche, rein auf Sex beschränkte Beziehung.


Immer weiter gehen sie dabei, um ihre Lust bis zum Äußersten auszuleben, haben Sex auch in Gegenwart einer Lautenspielerin oder am Straßenrand, während eine alte Frau zuschaut. Ist Sada zunächst eifersüchtig auf Kichis Frau und droht ihm den Tod an, falls er nochmals mit ihr schlafen sollte, drängt sie ihn bald, mit einer deutlich älteren Geisha zu schlafen. Zur Luststeigerung kommt dabei auch zunehmend und sich sukzessive steigernd der Schmerz ins Spiel.


Wie die Figuren bewusst flach bleiben und auf jede Psychologisierung verzichtet wird, hält Oshima auch die Bildebene flach. Keine Räume werden hier geschaffen, sondern zweidimensional wirken die sorgfältig kadrierten Bilder. Ganz auf den menschlichen Körpern soll der Blick ruhen, auch jeder gesellschaftliche Hintergrund wird mit einer bezeichnenden Ausnahme ausgespart. Gerade im Kontrast dieser radikalen Beziehung zu einem in einer Szene durch die Gasse marschierenden Trupp von Soldaten wird nicht nur die Militarisierung im Japan der 1930er bewusst, sondern auch wie wenig diese sexuelle Leidenschaft mit dem gesellschaftlichem Umfeld zu tun hat und eine zeit- und ortsunabhängige Urkraft ist.


Langsam verschieben sich dabei in der Beziehung von Kichi und Sada auch die Verhältnisse, denn während zunächst er den Ton angibt und Sada ihn mit "Herr" anredet, wird zunehmend sie die treibende Kraft. Gleichzeitig verändert sich mit Sadas unstillbarer Lust und ihrem besitzergreifenden Agieren auch die Inszenierung, denn an die Stelle von distanzierten Halbtotalen treten im Finale vermehrt Groß- und Detailnahmen. Je näher sich Kichi und Sada kommen und je mehr sie förmlich verschmelzen und sich ihre Welt immer mehr auf sie reduziert, desto näher kommt ihnen auch die Kamera und schließt zunehmend jedes Umfeld aus.


So explizit die Sexszenen sind, die dafür sorgten, dass "Im Reich der Sinne" zwar in Tokio gedreht wurde, aber aus Angst vor der japanischen Zensur in Frankreich geschnitten und entwickelt wurde und zu einer Beschlagnahmung des Films bei der Berlinale 1976 durch die Staatsanwaltschaft führte, so entzieht sich dieser Skandalfilm doch dem Vorwurf der Pornographie.


Da auch Filmfiguren dem Paar beim Sex zusehen, ist der Zuschauer nämlich einerseits kein heimlicher Voyeur, andererseits ist Oshimas Inszenierung so reduziert und stilisiert, dass dieser Film, dessen Originaltitel "Ai no corrida" übersetzt "Stierkampf der Liebe" heißt, auch kaum Lust bereitet, sondern sich als fast schon kühle und kompromisslose Erkundung der Sexualität präsentiert. In dieser scheint der Mensch einerseits größte Intensität des Lebens zu erfahren, die angesichts dessen Vergänglichkeit, an die durch alte Kontrastpersonen erinnert wird, zentral ist, andererseits erscheint sie im extremen Ausleben aber auch als eine zerstörerische Kraft.


Streaming bei www.filmingo.ch


Trailer zu "Im Reich der Sinne"

aufgrund Altersbeschränkung nur auf youtube verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=w-o8EKjXJPQ