• Walter Gasperi

Streaming: Dheepan – Dämonen und Wunder


Neu bei filmingo: Ein tamilischer Freiheitskämpfer flieht vor dem Krieg in seiner Heimat Sri Lanka nach Frankreich und findet sich dort bald in den Drogenkrieg in den Banlieues von Paris verwickelt. – Jacques Audiards Cannes-Sieger von 2015 ist kein betulicher Problemfilm zur Flüchtlingsthematik, sondern kraftvolles Kino, das durch seinen genauen Blick aufs Milieu, seine zupackende Inszenierung und seine natürlichen Schauspieler packt.


Nur kurz hält sich Jacques Audiard mit der Situation in Sri Lanka auf, lässt den Soldaten Dheepan nach der Brandbestattung einer Gruppe gefallener Kampfgefährten auch schon die Uniform ablegen, auf dem Scheiterhaufen verbrennen und in einem Flüchtlingslager eine Frau und ein Kind suchen, die ihm die Einreise in Frankreich erleichtern sollen.


Seine eigene Frau und seine beiden Kinder hat er im Krieg verloren, eine fiktive Partnerin und eine Tochter ist unter den zahlreichen von einer Migration ins gelobte Europa Träumenden bald gefunden und schon verkauft Dheepan nachts auf den Straßen von Paris blaue und rote - die Nationalfarben - Blinklichter, muss aber ständig auf der Hut vor der Polizei sein.


Mit fingierter Familie kommt er aber rasch in das Integrationsprogramm, bekommt eine Wohnung in der heruntergekommenen Pariser Banlieue, wo er einen Job als Hausmeister übernimmt. Auch "seine Frau", die eigentlich zu ihrer Cousine nach England, findet eine Stelle als Haushaltshilfe eines pflegebedürftigen Herrn. Dort gehen allerdings zwielichtige Gestalten ein und aus und bald sieht sich Dheepan in einen Drogenkrieg versetzt, in dem er schließlich wie einst als Soldat in Sri Lanka aktiv wird.


Wie schon in seinen bisherigen Filmen "De battre mon cœur s’est arrêté" ("Der wilde Schlag meines Herzens"), "Un prophete" oder "De rouille et d’os" ("Der Geschmack von Rost und Knochen") hat Jacques Audiard keine Angst sich aktuellen Themen mit den Mitteln des Genrrekinos zu nähern.


Wie der frühe Martin Scorsese entwickelt er seine Geschichte aus der genauen, aber nie aufdringlichen Einbettung in ein soziales Milieu. Hier wirkt nichts gestellt, nichts kulissenhaft, sondern realistisch und atmosphärisch ungemein dicht ist der Blick auf diese Banlieue. Erst auf der Basis dieses präzis gezeichneten Hintergrunds kann die Geschichte ihre Kraft entwickeln.


Zupackend und durchaus auch deftig ist der Stil Audiards dabei. Er hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf, sondern treibt die Handlung mit dynamischer Inszenierung voran und zeichnet statt Gutmenschen, Charaktere mit Ecken und Kanten. Beiläufig lässt er die Zweckgemeinschaft sich langsam näher kommen, erzählt im Kern von Anfang an von der Sehnsucht sowohl des Mannes als auch der Frau und des Mädchens nach einer intakten Familie. Im Thriller verbirgt sich so eine Liebesgeschichte, doch der Weg zum Glück ist freilich nicht gerade, denn bald brechen wieder Konflikte los und auch das Trauma des Krieges in Sri Lanka lastet schwer und bricht in der rauen Banlieue schnell wieder durch.


Getragen wird der Film dabei aber auch entscheidend von einem herausragenden Gespür für die richtige Besetzung. Da sieht man eben keine Stars, sondern in der Hauptrolle mit Antonythasan Jesuthasan einen Mann, der selbst als Jugendlicher bei den Liberation Tigers of Tamil kämpfte, 1993 nach Frankreich kam und nach Gelegenheitsjobs wie beispielsweise als Hausmeister Romane zu schreiben begann. Nicht minder stark an seiner Seite ist Kalieaswari Srinivasan als seine Schein-Ehefrau Yalini und Claudine Vinasithamby als Schein-Tochter Illayaal.


Audiard diskutiert nicht das Flüchtlingsthema, sondern setzt es direkt in Handlung um, belehrt nicht, sondern zeigt und entwickelt mit der knappen Inszenierung enormen Drive und Dichte, findet aber auch immer wieder ebenso faszinierende wie irritierende Bilder wie einen Traum von einem Elefanten im Dschungel.


Bestechend zeigt er gleichwohl Probleme auf, vor allem die sprachliche Komponente spielt dabei eine große Rolle. Fremd bleiben Dheepan und seine Scheinfamilie in diesem Frankreich ohne ausreichende Sprachkenntnisse, sind beim Sozialamt vom Dolmetscher abhängig und können von ihm manipuliert werden, werden in der Schule ausgegrenzt, tun sich schwer bei der Arbeit, weil sie Anweisungen nicht verstehen. Immer wieder betont Audiard diese Fremdheit und Distanz durch Blicke durch Fenster. Wie Dheepans Scheinfrau einmal selbst sagt, schauen sie wie im Kino auf die fremde Welt, bleiben aber getrennt von ihr, denn zwischen ihnen liegt immer eine Mauer.


Der Gewaltexzess im Finale, der an das Ende von Martin Scorseses "Taxi Driver" erinnert, mag manchem überzogen scheinen, und der utopische Epilog, bei dem das Märchenhafte noch durch Engelsmusik betont wird, - auch in diesem kann man eine Parallele zum Epilog von "Taxi Driver" sehen - manchem vielleicht kitschig. Im Kino des Jacques Audiard, der Sozialrealismus mit klassischem Kino ungeniert und furios mixt, haben diese wenig realistischen Momente aber durchaus Berechtigung. Großes Kino kann nämlich nie nur Abbildung der Wirklichkeit sein, sondern muss sie immer auch mit den Mitteln des Kinos verarbeiten. Meisterhaft beherrscht Audiard zweifellos dieses Spiel und darf deshalb auch seinen Protagonisten und dem Zuschauer gegen jede Hoffnung und Wahrscheinlichkeit ein Happy End gönnen.


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Trailer zu "Dheepan"