• Walter Gasperi

Streaming: Cuatro Paredes


Die Streamingplattform mubi.com bietet unterschiedlichsten Formaten Platz: Klassische Stummfilme findet man hier ebenso wie neue Arthouse-Filme, überlange Filme wie Cristi Puius "Malmkrog" ebenso wie in der Schiene "Brief Encournters" Kurzfilme, die man sonst kaum mehr zu sehen bekommt. Jetzt kann so auch exklusiv Matthew Porterfields minimalistischer 20-minütiger Kurzfilm, in dem eine Frau in einem Haus in Tijuana, Mexiko ihren Gedanken freien Lauf lässt, gestreamt werden.


In seinem ersten spanischsprachigen Film überlässt der US-Indie-Regisseur Matthew Porterfield die Bühne ganz der mexikanischen Schauspielerin Barbara López. Ihre Karla ist die einzige Person, die zu sehen ist, abgesehen von einer Totalen der Küstenstadt Tijuana ist sie in jeder Einstellung präsent.


Sieht man sie zunächst in Großaufnahme bei der Autofahrt, so trifft sie bald in einem Haus in Tijuana ein. Ein Brief, den sie liest, informiert, dass sich der Todestag des Vaters bald jährt, die Mailbox wird abgehört, ehe sie selbst in einer rund zehnminütigen statischen Großaufnahme über ihre Gedanken während einer Autofahrt, von der Vermischung von Gedanken und Wahrnehmung und Fantasiewelten, die im Kopf entstehen, auf die Mailbox spricht.


Entsprechend dem Titel "Cuatro Paredes" spielt der Kurzfilm fast ausschließlich innerhalb der vier Wände, aber mit dem Brief, den Nachricht auf der Mailboxen, vor allem aber dem großen Monolog holt Porterfield quasi die Welt in dieses Haus. Gleichzeitig bewegt sich der Film vom Schweigen während der Autofahrt, während der Karla nur einen Luftballon aufbläst, über das Lesen des Briefes und das Abhören der Mailbox mit dem Monolog zum Sprechen, in dem sich der Mensch auch selbst erfährt und in dem die Macht der menschlichen Imagination gefeiert wird, mit der man auf engstem Raum alles entstehen lassen kann von Palästen bis zu unterschiedlichen Menschen und dramatischen Filmgeschichten.


Nicht mehr als die in Sommerlicht und warme Brauntöne getauchten Zimmer des Hauses und seine Hauptdarstellerin benötigt Porterfield, kommt weitgehend ohne Musik und Kamerabewegungen aus und lässt doch durch die verschiedenen Textquellen vielfältige Bilder und Geschichten im Kopf des Zuschauers aufsteigen. So wird "Cuatro paredes" gerade in seinem Minimalismus, in dem durch nichts Augen und Ohren abgelenkt werden, zu einer Maschine, die die Fantasie ungleich reicher und vielfältiger anregen kann als spektakuläre Fantasy-Spektakel, die dadurch, dass alles bebildert wird, die Fantasie des Zuschauers binden.


So feiert dieser kleine Film nicht nur die Macht der Sprache, sondern ist auch ein Beispiel für ein anderes Kino, das einem wieder bewusst macht, dass sich die schönsten und aufregendsten Filme letztlich doch im Kopf des Zuschauers abspielen müssen und dass Film auch ein Medium sein kann und soll, das diese Fantasie freisetzt.


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