• Walter Gasperi

Stan & Ollie

Jon S. Baird zeichnet nicht Leben und Karriere der legendären Komiker Stan Laurel und Oliver Hardy nach, sondern konzentriert sich auf eine Bühnentour durchs England der 1950er Jahre und die Beziehung des Duos. – Getragen wird die liebevolle Hommage von den beiden Hauptdarstellern Steve Coogan und John C. Reilly.


1937 waren Stan Laurel und Oliver Hardy auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. In einer grandiosen sechsminütigen Plansequenz folgt die Kamera dem Duo von seiner Garderobe über das Studiogelände zum Set ihres neuen Films „Way Out West“ („Zwei ritten nach Westen“, 1937). Während Baird dabei im Hintergrund im quirligen Treiben auf dem Gelände die längst vergangene glanzvolle Zeit Hollywoods beschwört, lässt er Hardy (John C. Reilly) im Vordergrund über die Kosten seiner Scheidung klagen, Laurel (Steve Coogan) sich über die schlechte Bezahlung durch den Produzenten Hal Roach beschweren.


Am Set kommt es zwar zum offenen Streit zwischen Laurel und Roach, aber wenn die Kamera läuft, tauchen sie sofort in ihre Rollen ein und legen vor schwarzweißer Rückprojektion des Westernstädtchens ihr Tänzchen hin.


Mit einem Schnitt überspringt Baird 16 Jahre und die Fallhöhe könnte kaum größer sein, denn vom sonnigen Los Angeles versetzt er den Zuschauer nun ins verregnete England, statt als Stars hofiert zu werden, steigen sie in einem bescheidenen Hotel ab. Mit einer Bühnentour durch London wollen sie die Produktion eines neuen Films ankurbeln, doch wenig Zuschauer verirren sich bei den ersten Vorstellungen in die Theater.


Nicht nur diese Auftritte, sondern auch der Alltag bietet Baird die Möglichkeit legendäre Sketches des Duos in brillanter Nachinszenierung zu präsentieren. Statt des Klaviers wie im Oscar gekrönten Kurzfilm „The Music Box“ („Das verrückte Klavier“, 1932) schlittert so ein mächtiger Koffer eine lange Treppe hinunter, Gags mit Hüten oder einer Klingel an der Hotelrezeption werden in die Handlung eingebaut und auf der Bühne führen sie immer wieder die Krankenhausszene aus „Country Hospital“ (1932) und das Tänzchen aus „Way Out West“ auf.


Ganz auf der Beziehung des Duos fokussiert Baird und kann dabei auf die bestens harmonierenden Steve Coogan und John C. Reilly vertrauen. Perfekt imitieren sie Gesten und Mimik von Laurel und Hardy und die phänomenale Maske sorgt dafür, dass man glauben könnte, die echten Komiker vor sich zu haben.


Der Brite Coogan spielt Laurel als den Geschäftsmann des Duos, der sich um das geplante Filmprojekt kümmert und stets an neuen Gags arbeitet, Hardy dagegen erscheint als spielsüchtiger Bonvivant, der sein Geld bei Pferdewetten verliert und sich mehr für den Kontakt zu den Menschen als für die Arbeit interessiert. Spürbar wird aber auch, dass die Beziehung nicht frei von Spannungen ist, denn immer noch fühlt sich Laurel von Hardy verraten, da dieser einst nach „Way out West“ einen Film mit Harry Langdon drehte („Zenobia“, 1939).


Sanft melancholisch und voll Liebe ist der Blick Bairds in dem in warme Brauntöne getauchten Film und geschickt wird Humor mit berührenden Momenten gemischt. An Konstellationen der Laurel & Hardy-Filmen orientieren sich dabei auch die Szenen mit den von Shirley Henderson und Nina Arianda gespielten Ehefrauen, die schließlich ihren Männern nach England folgen. Auch sie verkörpern wunderbar gegensätzliche Charaktere, denn während die texanische Frau Hardys (Shirley Henderson) zurückhaltend auftritt und immer um die Gesundheit ihres Mannes besorgt ist, spielt sich Hardys russischstämmige Frau (Nina Arianda) in den Vordergrund, kommandiert ihren Mann herum und betont immer wieder, dass sie in Hollywood Tänzerin war.

Rührselig wird es freilich, wenn die gesundheitlichen Probleme Hardys zunehmen und Laurel sich entscheiden muss, ob er – wie einst Hardy – mit einem neuen Partner auftreten soll, aber das sollte man dieser Hommage, die nicht nur von einer tiefen Freundschaft, sondern nebenbei auch von der Vergänglichkeit von Ruhm und den Schwierigkeiten eines Künstlerlebens erzählt, nicht allzu übel nehmen, sondern sich vielmehr davon anregen lassen, die unverwüstlichen alten Filme des Duos von den grandiosen kurzen Slapstickkomödien der Stummfilmzeit bis zu den großen Tonfilmen wieder einmal zu genießen.


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Trailer zu "Stan & Ollie"