• Walter Gasperi

Spencer


Pablo Larrain erzählt nicht das Leben von Lady Diana nach, sondern beschränkt sich auf das Weihnachtsfest 1991, an dem die Princess of Wales eine weitreichende Entscheidung trifft. – Ein unterkühltes, formal brillantes Psychogramm einer Frau, die an den rigiden Konventionen der königlichen Familie zu zerbrechen droht.

Nachdem Pablo Larrain ("Ema") 2016 in "Jackie" auf drei Tage im Leben von Jackie Kennedy unmittelbar nach der Ermordung ihres Mannes, des Präsidenten John F. Kennedy, fokussierte, setzt der Chilene auch in "Spencer", unterstützt von Drehbuchautor Steven Knight, auf eine solche Engführung der Handlung. Nicht Fakten sollen abgehakt werden, sondern durch die Beschränkung auf wenige Tage und das Verhältnis zwischen Diana und der königlichen Familie soll ein dichtes und beklemmendes Bild von Zwängen und psychischer Belastung gezeichnet werden.


Gegensätze prallen schon mit dem Auftakt aufeinander, wenn ein Militärkonvoi sich dem in Norfolk gelegenen Landsitz Sandringham House nähert, in dem die königliche Familie 1991 das Weihnachtsfest feiern will. Wenn hier in Munitionskisten Obst, Pasteten und Krabben geliefert werden, gibt dies der Feier schon einen strengen, ja militärischen Anstrich. Fortgesetzt wird dieser, wenn spiegelbildlich zum Abtreten der Soldaten die Küchentruppe eintritt. Auch der Hinweis in der Großküche "Keep noise to a minimum. They can hear you" verweist auf eine strenge Ordnung und genaue Regeln.


Dieser strengen Ordnung steht Lady Dianas (Kristen Stewart) befreite Fahrt mit ihrem Porsche-Cabrio gegenüber. Diese Szene signalisiert aber auch schon, dass es Larrain nicht um historische Genauigkeit geht, denn wenig glaubwürdig ist doch, dass man am 24. Dezember in England mit einem offenen Cabrio unterwegs ist. Wenn Diana sich auf dem Weg zu Sandringham House verfährt, verweist das freilich auch auf einen Irrweg in ihrem Leben.


Gleichzeitig werden mit dem nahen Anwesen ihrer Familie und einer Vogelscheuche, die sie aus der Kindheit kennt, auch Erinnerungen an eine glückliche Vergangenheit hervorgerufen.

Mit Biss karikiert Larrain die strengen Regeln in der königlichen Familie, wenn alle Gäste sich beim Eintreffen wiegen lassen müssen und bei der Abreise mindestens drei Pfund schwerer sein müssen. Nicht nur die Menüfolge ist hier genau geregelt, sondern exakt festgelegt ist auch, welches Kleid Diana an diesen drei Tagen zu den verschiedenen Anlässen zu tragen hat.


Das "They can hear you" in der Küche kann man dabei auf jeden Raum des Anwesens beziehen, denn ständig scheint Diana unter Bewachung zu stehen. Mit wunderbarem Understatement spielt Timothy Spall Major Alistair Gregory, der nicht nur für einen reibungslosen Ablauf der Festtage sorgen soll, sondern vor allem auch dafür sorgen soll, dass Diana keine Gelegenheit bekommt, aus der ihr zugedachten Rolle zu fallen. Auf keinen Fall dürfe sie sich wieder vor offenen Vorhängen umkleiden. Vorsichtshalber werden sie folglich zugenäht, doch ein erster Befreiungsschlag ist es, wenn Diana diese aufreißt und die Kamera frontal ihr Gesicht beim Blick aus dem offenen Fenster erfasst.


Wie ein Gefängnis wirkt dieser Landsitz, wenn Diana bei einem nächtlichen Gang durch den Garten von Polizisten aufgegriffen wird und das Anwesen von Stacheldraht umzäunt ist. Im Goldenen Käfig sitzt die königliche Hoheit so, fühlt sich wie die auf Befehl ihres Ehemanns Heinrich VIII. enthauptete Anna Boleyn.


Nur beim nächtlichen Spiel mit ihren beiden Söhnen William und Harry wirkt sie glücklich und gelöst, während ein Gespräch mit ihrem Mann Charles in der Bibliothek äußerst frostig verläuft und eindringlich die Entfremdung des Ehepaares spüren lässt. Wie gegensätzlich sie sind, zeigt sich auch im Streit darüber, ob Sohn William im Schießen ausgebildet werden soll, um an der Fasanenjagd teilnehmen zu können. Während Diana die Jagd ablehnt und auch an das Los der Fasane denkt, betont Charles, dass dies zur Tradition gehöre.


Einzig in der Kammerzofe Maggie hat Diana eine Vertraute – so sehr freilich, dass die königliche Familie ihr diese entziehen will, Dianas Beharren auf Maggie aber schließlich nachgibt. Sally Hawkins spielt diese Figur mit viel Wärme, während man sich über Kristen Stewarts Verkörperung von Lady Diana streiten kann.


Mit großem Einsatz und Präsenz verkörpert sie die Princess of Wales, aber auch sehr expressiv. Jede Szene akzentuiert sie mit Gestik und Mimik, kehrt Dianas Verzweiflung und Zerrissenheit fast schon etwas zu aufdringlich nach außen. Konsequent hält sie diese Rolle durch, aber ob man diesen sichtlich auf Beifall schielenden Spielstil wirklich goutiert, ist wohl auch Geschmackssache.


Ganz aus der Perspektive von Diana erzählt Larrain und macht mit präziser Bildsprache und vor allem mit einem brillanten Soundtrack von Jonny Greenwood ihre psychische Belastung und Zerrissenheit erfahrbar. Immer wieder mischen sich hier unter eine zunächst harmonische Musik metallene und dissonante Klänge, die zusammen mit Traumbildern und Erinnerungen eine teils an Horrorfilme erinnernde beklemmende Atmosphäre evozieren.


Auch die grobkörnigen und oft leicht milchigen Bilder sowie die teils nebelverhangene Landschaft sorgen dafür, dass "Spencer" trotz der zahlreichen edlen Kleider, die Diana trägt, und der Köstlichkeiten, die serviert werden, nie zu kuscheligem Wohlfühlkino wird, sondern durchgängig ein Klima der Beunruhigung aufbaut.


Eindringlich machen hier Bild- und Tonsprache durchgängig das Spannungsfeld zwischen Sehnsucht nach persönlicher Freiheit und Ausleben der eigenen Identität auf der einen Seite und in Traditionen erstarrter königlicher Etikette erfahrbar. Da spricht Diana nicht nur davon, dass es in der königlichen Familie nur Vergangenheit und Gegenwart gibt, die wiederum in eins fallen, aber keine Zukunft, sondern man kann dies regelrecht spüren.


Erst am Ende gibt es einen großen Befreiungsschlag, in dem es wieder im Sportwagen-Cabrio durch das offene Land geht und "All I need is a miracle" von Mike & the Mechanics musikalisch den Ton angibt. Einen Schlussstrich mag Diana mit diesem Ausbruch unter die letzten zehn Jahre ihres Lebens gezogen haben, aber irgendwie wirkt diese Szene doch wie geträumt oder wie eine kurze Auszeit von einer Realität und einer Welt, die man nicht wirklich nicht hinter sich lassen kann.



Spencer Deutschland / Großbritannien 2021 Regie: Pablo Larrain mit: Kristen Stewart, Timothy Spall, Jack Farthing, Richard Sammel, Sally Hawkins, Sean Harris Länge: 116 min.


Läuft derzeit in zahlreichen Kinos


Trailer zu "Spencer"