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  • AutorenbildWalter Gasperi

Saint Omer


Nach einem wahren Fall zeichnet Alice Diop in ihrem Spielfilmdebüt, das unter anderem in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und von Frankreich ins Oscar-Rennen geschickt wurde, den Prozess gegen eine aus dem Senegal stammende junge Kindsmörderin nach: Ein spartanisch inszeniertes, aber konzentriertes und fesselndes Gerichtsdrama, das Fragen der Differenz zwischen Kulturen und Geschlechtern, Migration, Erwartungsdruck und Rassismus thematisiert.


Die Dokumentarfilmerin Alice Diop verfolgte nach eigenen Aussagen 2016 persönlich den Prozess gegen die aus Senegal stammende Fabienne Kabou, die gestanden hatte ihre 15-monatige Tochter getötet zu haben, indem sie sie bei Flut an der Atlantikküste ausgesetzt hatte.


In Diops erstem Spielfilm ist die junge, senegalesisch stämmige Dozentin und Schriftstellerin Rama (Kayije Kagame) quasi das Alter Ego der Regisseurin. Wie Diop einst in der Realität so reist Rama in der Nachinszenierung des Falls ins nordfranzösische Saint Omer zum Prozess gegen die wegen Kindesmords angeklagte frühere Philosophiestudentin Laurence Coly (Guslagie Malanda).


Dass diese gerade über Ludwig Wittgenstein dissertieren wollte, ist dabei kein Zufall. Dessen berühmtester Spruch "Worüber man nicht sprechen kann, muss man schweigen" verweist auch auf die Tat, die auch Laurence selbst unerklärlich ist und über deren Ursachen gerade sie selbst vom Prozess Erklärungen erhofft.


Vorangestellt ist diesem Prozess aber nicht nur eine Szene in der eine afrikanische Mutter mit ihrem Baby nachts zu lautem Meeresrauschen einem Strand entlang geht, sondern auch das Erwachen Ramas aus einem Alptraum. – Zwei Frauen werden hier in Beziehung gesetzt, deren direkter Kontakt sich aber auf einen kurzen Blickwechsel beschränken wird. Die eine wird auf der Anklagebank sitzen, die andere im Zuschauerraum - und dennoch wird Diop ihre Geschichten sukzessive verzahnen.


Wenn Rama bei einer Vorlesung schwarzweiße Archivaufnahmen von Kollaborateurinnen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch Scheren ihrer Haare geächtet wurden, mit Passagen aus Marguerite Duras´ Text für Alain Resnais´ "Hiroshima, mon amour" verbindet, wird schon eine zentrale Thematik von "Saint Omer" angeschnitten. Denn wie es in Resnais´ Meisterwerk auch um die Differenz zwischen Europa und Japan geht, so geht es in Diops Spielfilmdebüt zunehmend auch um die kulturelle Differenz zwischen Afrika und Europa, aber auch um die Rolle der Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft und schließlich auch um Mutterschaft.


Der Auftakt des Prozesses stimmt dabei auch schon auf die spartanische Inszenierung ein. In der minutiösen Schilderung der Auswahl der Geschworenen spürt man Diops Herkunft vom Dokumentarfilm. Kaum eine Kamerabewegung gibt es hier, auf Filmmusik wird verzichtet, lange halbnahe Einstellungen dominieren.


Wenn im Folgenden die Angeklagte zu ihrer Kindheit, ihrer Migration nach Frankreich, ihrem Philosophiestudium und zu ihrer Beziehung zum mehr als doppelt so alten Kindsvater befragt wird, verzichtet Diop auch auf jede Rückblende. So sehr hier aber auch das Wort dominiert, es praktisch nichts außer den Gesichtern der Angeklagten, der wenigen Zeugen oder der Vorsitzenden zu sehen gibt, so packend und dicht ist "Saint Omer" doch, dank der konzentrierten und präzisen Inszenierung und eines herausragenden Ensembles.


Sukzessive wird hier in den Verhören die Entwurzelung Laurences, die Hexerei oder einen Fluch als Grund für ihre Tat angibt, durch die Migration spürbar, die Vereinsamung in Frankreich und das langsame Zerbrechen an der hohen Erwartungshaltung, die ihre Mutter von klein auf an sie stellte.


Gleichzeitig spürt man in der Präzision und Nüchternheit dieser Aussagen, dass hier wohl auch viel von Diops eigenen Fremdheitserfahrungen als Afrikanischstämmige in der weißen französischen Mehrheitsgesellschaft eingeflossen ist.


Zu diesem kulturellen Aspekt kommt die Position der Frau. Während der Ex-Geliebte von Laurence, der nie daran dachte seine Frau zu verlassen, immer nur von sich redet, jede Empathie vermissen lässt und nicht einmal zum Begräbnis seines Kindes ging, sieht der Staatsanwalt in der Angeklagten nur eine Lügnerin und eiskalte Mörderin.


Gegenposition zum Ankläger sind hier aber wieder die empathische Vorsitzende des Prozesses, die versucht die Tat zu verstehen, und die Anwältin, die in ihrem Plädoyer direkt in die Kamera – und damit zu den Kinozuschauer:innen - eindringlich und bewegend die tiefe lebenslange Verbindung von Müttern mit ihren Kindern beschwört, aber auch die Vereinsamung der jungen Laurence eindrücklich vermittelt.


Wie ein Schock wirkt in diesem so strengen Film, wenn an die Stelle der distanzierten Halbnahen plötzlich eine Großaufnahme von Laurence tritt oder wenn die Kamera Rama durch die Straßen von Saint Omer folgt. Nur sehr fragmentarisch bietet Diop Einblick ins Leben dieser schwangeren Uni-Professorin, die zunehmend vom Schicksal von Laurence berührt ist, weil sich darin eigene Erfahrungen zu spiegeln scheinen.


Mehr noch als Ramas geplanter Buchtitel "Schiffbrüchige Medea" schlägt dabei ein längerer Ausschnitt aus Pier Paolo Pasolinis "Medea", den Rama im Hotel am Laptop anschaut, den Bogen zum antiken Mythos, in dem die Kindsmörderin auch ein Opfer der kulturellen Entfremdung und der Fremdheit in einer patriarchalen Gesellschaft ist. Dem Spannungsfeld von archaischer Welt von Kolchis und hochentwickelter griechischer Antike bei Pasolini steht hier die Kluft zwischen afrikanischer und französischer Gesellschaft gegenüber.


So wirft Diop auch die Frage auf, wie angesichts dieser Diskrepanzen überhaupt ein gerechtes Urteil gefällt werden kann und ob Europäer:innen Afrikaner:innen und Männer Frauen und im Speziellen Mütter überhaupt verstehen können. Auf Lösungen verzichtet die Französin dabei bewusst, aber gerade dadurch arbeitet dieser Film, der durch die messerscharfe Herausarbeitung brennend aktueller gesellschaftlicher Problemfelder fesselt, im Kopf der Zuschauer:innen weiter.



Saint Omer Frankreich 2022 Regie: Alice Diop mit: Kayije Kagame, Guslagie Malanda, Valérie Dréville, Aurélia Petit, Xavier Maly, Robert Cantarella, Salimata Kamate, Thomas de Pourquery, Länge: 122 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 10.3. in den deutschen und österreichischen Kinos. FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 5.4., 18 Uhr + 6.4., 19.30 Uhr


Trailer zu "Saint Omer"



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