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  • AutorenbildWalter Gasperi

Rodeo


Eine von Motorrädern faszinierte junge französische Migrantin schließt sich einer rauen Motorrad-Gang an, die mit halsbrecherischen Stunts auf Motocross-Maschinen ihr Können und ihre Maskulinität demonstriert: Lola Quivoron gelang mit ihrem Debüt ein kraftvoll-energetisches Drama, das mit seiner famosen Hauptdarstellerin auch aufregend Geschlechterrollen und Geschlechterklischees verhandelt.


Vom ersten Bild an entwickelt Lola Quivorons Spielfilmdebüt enormen Drive und Kraft. Mitten drin ist man im Geschehen, wenn Angehörige der jungen Julia (Julie Ledru) durch die Gänge eines Wohnblocks folgen und sie aufhalten wollen. Die unruhige Handkamera und der dynamische Schnitt übertragen die Wut und Aufgebrachtheit, aber auch die Energie der aus Guadeloupe stammenden Migrantin direkt auf das Publikum.


Unbekannte haben ihr Motorrad gestohlen, das der am Rand der Gesellschaft lebenden Frau über alles gingt. Schadlos hält sie sich, indem sie bei einem vorgetäuschten Kauf eines neuen Motorrads kurzerhand mit der angebotenen Maschine davonfährt. Geld hat Julia nämlich nicht einmal fürs Benzin, muss an einer illegalen Rennbahn, auf der junge Männer nachts ihre halsbrecherischen Kunststücke auf Motocross-Maschinen zeigen, selbst darum betteln.


Man riecht in diesem energetischen Auftakt förmlich das Benzin, den Gummiabrieb, spürt das Metall und den Asphalt, aber auch Julias Faszination für und Liebe zu diesen Maschinen, wenn sie mit der Hand ganz sacht über den Sattel streicht, als ob sie einen Geliebten berühre.

Unbedingt zu dieser Biker-Gang, die sich "B-Mores" nennt, möchte Julia gehören, doch ernster genommen wird sie erst, als sie sich engagiert für die Versorgung eines verunfallten Fahrers einsetzt. Als dieser junge Mann im Krankenhaus stirbt, setzt sich eines der Mitglieder für Julia ein, sodass sie einen Platz in der Gruppe bekommt.


Ruhiger wird "Rodeo" damit, beginnt die Gegensätze und Spannungen auszuloten, die sich durch die Präsenz der jungen Frau in dieser ihre Männlichkeit betonenden Community entwickeln. Während sie aber mit ihren lockigen Haaren und ihrer kleinen Zahnlücke von einigen Mitgliedern langsam akzeptiert wird, erfährt sie von anderen wiederum Ablehnung.


Wirklich Solidarität entwickelt sich nur zur Ehefrau des Chefs der Gruppe, in dessen Werkstatt Motorradteile recycelt und geklaute Motorräder neu gespritzt werden, um sie dann wiederum zu verkaufen. Wie Julia ist diese Ophélie (Antonia Buresi) eine Außenseiterin in dieser Welt. Ihr Mann sitzt zwar im Gefängnis, doch mittels Bewacher lässt er sie kontrollieren und kaum einmal darf sie das Haus verlassen. Indem Julia so für Ophélie und ihren Sohn Kylian einkaufen muss, kommen sie sich näher.


Sträuben mag sich Ophélie zwar zunächst gegen eine Motorradfahrt zu dritt, doch als sie über die Landstraße dahinflitzen wird nicht nur die Freiheit in diesem Augenblick, sondern auch die Sehnsucht nach einem befreiten Leben über den Moment hinaus spürbar.


Doch Julia hat noch einen kühnen Plan, bei dem sie zusammen mit der Gang im Stil von "Fast and Furious" mit Quads aus einem fahrenden LKW mehrere Motorräder klauen will. Gleichzeitig fürchtet sie aber seit einem Überfall auf einer nächtlichen Landstraße auch einen potentiellen Verräter in der Gruppe.


Vom leidenschaftlichen Spiel der Pariser Motorradfahrerin und Laienschauspielerin Julie Ledru angetrieben, entwickelt sich "Rodeo" so zu einem rohen, aber pulsierenden Film. Hautnah ist die Kamera von Raphaël Vandenbussche vor allem an Julia dran, nie verlässt der auf Hyperrealismus setzende Film das Milieu dieser Parallelgesellschaft und entführt zu heruntergekommenen, aber authentisch eingefangenen Settings im Industriebrachland oder an Landstraßen.


Die Dominanz von Nachtszenen verstärkt die düstere Ausstrahlung, doch nicht Niedergeschlagenheit und Pessimismus, sondern vielmehr Energie, Lebenslust und eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit strahlt dieses Debüt aus.



Rodeo Frankreich 2022 Regie: Lola Quivoron mit: Julie Ledru, Yannis Lafki, Antonia Buresi, Cody Schroeder Länge: 105 min.



Läuft in den österreichischen und deutschen Kinos.


Trailer zu "Rodeo"


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