• Walter Gasperi

Rocketman


Dexter Fletcher zeichnet Leben und Karriere von Elton John als knallbuntes und in den Musikszenen mit Verve inszeniertes Musical nach. Hauptdarsteller Taron Egerton, der die Songs auch selbst singt, bringt sich mit seiner Verkörperung des britischen Popstars schon jetzt ins Spiel um die Oscars 2020.


Mit mächtigen orangen Engelsflügen und Teufelshörnern schreitet Elton John (Taron Egerton) durch einen langen Gang. Man erwartet, dass es auf eine Bühne geht, doch stattdessen betritt er schließlich einen Raum mit einer Therapiesitzung, stellt sich als Alkoholiker vor und führt auch zahlreiche weitere Süchte an. – Es ist ein markanter und für Biopics typischer direkter Einstieg: Mitten hinein ins Leben des Protagonisten wirft man den Zuschauer und lässt von diesem Wendepunkt aus den Porträtierten auf seinen Werdegang zurückblicken.


Gleichzeitig wird Elton John mit diesem Einstieg aber auch schon im wahrsten Sinne des Wortes als bunter Vogel vorgestellt, sichtbar wird aber im Laufe des Films auch, dass hinter den extravaganten Outfits und den schrillen Brillen immer auch der Wunsch, steht sich zu verstecken und die Schwierigkeit zu sich selbst zu finden.


Im Kern erzählt „Rocketman“, dessen Titel einerseits auf einen Song Elton Johns verweist, andererseits aber auch auf seinen kometenhaften Aufstieg anspielt, nämlich von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe. Wie er als Junge im England der 1950er Jahre nämlich darunter leidet, dass er vom gefühlskalten Vater kaum wahrgenommen und nie umarmt wird und auch von der Mutter nicht wirklich geliebt wird, so wird ihn später belasten, dass er seine Homosexualität aus Karrieregründen vor der Öffentlichkeit geheim halten muss.


Die Therapiesitzungen nützt Dexter Fletcher, der nach der Entlassung von Bryan Singer auch den Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ fertig stellte, als Dreh- und Angelpunkt. Immer wieder wird „Rocketman“ zu diesem Ausgangspunkt kurz zurückkehren und damit signalisieren, dass konsequent aus der Perspektive des Popstars erzählt wird. Der Umstand, dass dieser selbst als Executive Producer fungierte, gewährleistet von vornherein, dass kritische Akzente ausgespart werden und der Film als Hommage angelegt ist.


Fletcher benötigt weder Voice-over noch Inserts zu Zeit und Ort des Geschehens, selbst auf das obligate Insert „nach einer wahren Geschichte“ verzichtet er. Einerseits vertraut er wohl auf Elton Johns Bekanntheitsgrad, der ausdrückliche Authentifizierungsmaßnahmen überflüssig erscheinen lässt, andererseits geht es ihm auch weniger um Faktizität als vielmehr darum schlüssig und flüssig eine Geschichte zu erzählen.


Mit Verve inszeniert Fletcher dabei vor allem die Musiknummern, die er speziell bei den Kindheitsszenen in die Handlung integriert und wie in einem Musical anlegt, wenn der kleine Elton, der damals noch Reginald Dwight hieß, in Straßenszenen oder in einem Pub Songs singt, die er erst viel später schrieb, die aber seine damaligen Gefühle vermitteln. Choreographie der Tänze und dynamische Kamera sorgen hier für mitreißenden Schwung.


Wie gewohnt in solchen Biopics, in denen sich über mehrere Jahrzehnte spannende Ereignisse in einen zweistündigen Film gepresst werden, verkürzt ist freilich die Darstellung. Da reichen wenige Szenen, in denen sich Elton John ans Klavier setzt und ansatzlos aus dem Gedächtnis heraus eine Melodie spielt oder diese zu einem Liedtext erfindet, um seine musikalische Genialität zu vermitteln.


Während der erste Auftritt im Club Troubadour in Los Angeles und die dortige fulminante Performance von „Crocodile Rock“, nicht nur am Beginn mit Zeitlupe akzentuiert, sondern auch ausführlich geschildert wird, wird der Aufstieg zum Weltstar mit einer Montage von Zeitungsschlagzeilen und Plattentiteln verkürzt.


Nicht zu kurz kommen darf neben dem beruflichen Erfolg, zu dem auch die Freundschaft mit dem Songwriter Bernie Taupin (Jamie Bell), aber auch eine Trennung vom ersten Manager gehören, freilich auch das Privatleben mit einer Liebesbeziehung zum Musikmanager John Reid (Richard Madden) und einer kurzzeitigen Ehe. Wie schon in „Bohemian Rhapsody“ wirkt auch hier der Blick auf den Manager, der Elton John scheinbar nur ausnützte und betrog, freilich ziemlich einseitig.


Wie „Bohemian Rhapsody“ bewegt sich zwar auch „Rocketman“ in ausgetretenen Bahnen und bietet wenig Überraschendes, besitzt aber doch mehr Drive und mehr Linie als der „Queen“-Film. Mit seiner dynamischen Inszenierung, aber auch mit seiner Lust am Bunten und Schrillen, die immer Energie und Lebensfreude ausstrahlen, reißt dieses Biopic mit. Der Popstar mag seine Homosexualität verbergen müssen, der Film aber stellt lustvoll das Queere aus, feiert das Befreiende der Unkonventionalität und der Regelbrüche.


Zentrum und Herz des Films ist dabei Taron Egerton, der sich nicht nur mit den bekannten extravaganten Outfits und Brillen des Popstars, sondern mehr noch mit der perfekten Mimikry jetzt schon für den Oscar als bester Hauptdarsteller im nächsten Frühjahr ins Spiel bringt.


Eindringlich vermittelt er die psychischen Belastungen seines Charakters, lässt ihn aber dann mit dem finalen „I´m Still Standing“ doch triumphieren, ehe zum Nachspann mit Inserts zum weiteren Leben des Briten und Archivmaterial, das den inszenierten Figuren und Szenen gegenübergestellt wird, eine wahre Authentifizierungsmaschine in Gang gesetzt wird.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Rocketman"