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Wandlungsfähig und cinephil: Richard Linklater

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit
"Before Sunset": Ethan Hawke und Julie Delpy im Mittelteil von Richard Linklaters hinreißender "Before"-Trilogie.
"Before Sunset": Ethan Hawke und Julie Delpy im Mittelteil von Richard Linklaters hinreißender "Before"-Trilogie.

Rund 25 Filme hat der 1960 in Houston, Texas geborene Richard Linklater seit 1988 gedreht. Auf ein Genre oder einen Stil ließ er sich dabei nie festlegen, sondern ließ auf frühe "Slacker-Movies" mit der "Before"-Trilogie Liebesfilme folgen, experimentierte mit dem Animationsfilm, legte mit "Boyhood" eine einzigartige Langzeitstudie vor und arbeitete sich auch mehrfach an der Film- und Theatergeschichte ab. Das Filmpodium Zürich widmet Linklater in Kooperation mit dem Zurich Film Festival und der Cinématheque suisse bis 15. November eine Retrospektive.


Im Gegensatz zum Großteil seiner Kollegen besuchte Richard Linklater keine Filmschule. Seine Leidenschaft fürs Kino und sein Entschluss Filmemacher zu werden, erwachte zwar schon während der Highschool, doch selbst aktiv wurde er erst, nachdem er Mitte der 1980er Jahre zweieinhalb Jahre auf einer Öl-Plattform im Golf von Mexiko gearbeitet hatte. Mit dem ersparten Geld kaufte er sich eine Super-8-Kamera sowie einen Projektor und übersiedelte nach Austin, Texas, wo er die Austin Film Society gründete.


Die Bandbreite der Filme, die in diesem Filmclub gezeigt wurden, beeinflusste entscheidend Linklaters stilistische Vielfalt: Carl Theodor Dreyer, Robert Bresson, Yasujiro Ozu und Eric Rohmer nennt er ebenso als Vorbilder wie Rainer Werner Fassbinder, Martin Scorsese, Vincente Minnelli und Joseph von Sternberg, seine Produktionsfirma nannte er nach Edgar G. Ulmers Film noir "Detour Films".


Im Mittelpunkt seiner ersten Filme stehen junge Erwachsene, die ziellos dahinleben. Der Begriff "Slacker" ging über den Titel von Linklaters zweitem Film (1991), der auch das Subgenre des "Slacker-Movies" begründete, in den deutschen Wortschatz ein. Weder äußere Aktion noch große Handlungsbögen bestimmen sein für etwa 3000 Dollar gedrehtes Super-8-Film Debüt "It´s Impossible to Learn to Plow by Reading Books" (1988) und den für 23.000 Dollar gedrehten "Slacker" (1991), sondern alltägliche Handlungen und zufällige Begegnungen.


Von seinen High-School-Erinnerungen geprägt ist "Dazed and Confused" (1993), in dem er vom letzten Schultag einer Teenagergruppe im Austin des Jahres 1976 erzählt. Acht Jahre später griff er das Thema in dem Videofilm "Tape" (2001) wieder auf, in dem drei Jugendfreunde in einem Motelzimmer Erinnerungen an die Schulzeit austauschen. Doch die Vergangenheit wird nicht nostalgisch verklärt, vielmehr wird eine Vergewaltigung thematisiert.


Verspielter, gelöster und romantischer ist der 1995 in Wien gedrehte "Before Sunrise". Wieder ist die Handlung sehr reduziert, wird ausgelöst durch eine Zufallsbekanntschaft während einer Zugfahrt von Budapest nach Paris. Jesse (Ethan Hawke) überredet Celine (Julie Delpy) mit ihm in Wien auszusteigen und den Tag zu verbringen und gemeinsam ziehen sie durch die Donaumetropole.


Auf diesen einen Tag und die zwei Protagonisten beschränkt sich die Handlung, an Eric Rohmer erinnern die Dialoge und die Leichtigkeit der Erzählweise. Neun Jahre später setzte Linklater diesen Film mit "Before Sunset" (2004) fort, knüpfte stilistisch nahtlos an den Vorgänger an und lässt das Paar, das sich erstmals seit dem Treffen in Wien wieder sieht, nun fast in Echtzeit einen Nachmittag durch Paris streifen.


Was aus dieser Begegnung geworden ist, sieht man schließlich in "Before Midnight" (2013), der in langen Einstellungen, denen man ihre Länge aber nie anmerkt, wiederum dem wunderbar harmonierenden Duo Julie Delpy und Ethan Hawke einen Tag durch Griechenland folgt. Man sieht ihnen zu, wie sie diskutieren, sich streiten und sich dann doch wieder versöhnen.


Aber Linklaters Werk ist eben ungleich reicher, bietet mehr als diese Welterfolge. Er lässt sich nicht auf ein Genre festlegen, zeigte Lust an formalen Experimenten bei "Waking Life" (2001) und der Philipp K. Dick-Verfilmung "A Scanner Darkly" (2006), die beide mit realen Schauspielern aufgenommen wurden und dann durch digitale Bearbeitung die Optik eines Animationsfilms erhielten. Während Linklater dabei in "Waking Life" einen Träumenden philosophischen Fragen nachspüren lässt, zeichnet er in der düsteren Utopie "A Scanner Darkly" die USA als Überwachungsstaat.


Die Schattenseiten der Fast-Food-Ketten deckte der Texaner in der episodisch angelegten Verfilmung von Eric Schlossers Sachbuch "Fast Food Nation" (2006) auf. In parallel geführten Erzählsträngen wird Massentierhaltung, die Ausbeutung illegal in die USA eingewanderter Mexikaner:innen und die miserable Qualität des Fleisches in den Fast-Food-Ketten angeprangert, doch in der Breite verliert der Film sowohl an Biss als auch an Tiefgang.


Dass Linklater keine Scheu vor dem Mainstream kennt, beweisen seine Schulkomödie "The School of Rock" (2003) und sein Remake des Baseball-Jugendfilms "Bad New Bears" (2005), die sich allerdings durch eine in diesen Genres selten zu findende Subversion auszeichnen. Während "School of Rock" von Jack Black dominiert wird, der als Rockmusiker in einer Schule geheim das Unterrichtsfach "Rockmusik" einführt, steht im Mittelpunkt von "Bad New Bears" Billy Bob Thornton als Trainer einer Kinder-Baseball-Jugendmannschaft, der mit Schimpfworten nur so um sich wirft und dem Kinderfilm eine ziemlich derbe Note verleiht.


Trotz dieser Ausflüge in den Mainstream ließ sich Linklater nie von Hollywood vereinnahmen, lebt nicht in der Filmmetropole, sondern weiterhin in Austin, und widmet sich in erster Linie persönlichen Projekten wie dem historischen Film "Me and Orson Welles" (2008), in dem er eine Coming-of-Age-Geschichte mit den Proben zu Orson Welles Inszenierung von "Julius Caesar" am legendären New Yorker Mercury Theatre verbindet, oder der auf Tatsachen beruhenden schrägen Komödie "Bernie" (2012), in der Jack Black einen texanischen Witwenmörder spielt.


In die Film- und Theatergeschichte tauchte er zuletzt aber auch mit dem wehmütigen Kammerspiel "Blue Moon" (2025) ein, in dem er mit einem großartigen Ethan Hawke in der Hauptrolle dem Songwriter Lorenz Hart (1895 – 1943) ein bewegendes Denkmal setzte, während er in "Nouvelle Vague" (2025) mitreißend und mit einer Fülle filmhistorischer Anspielungen un dennoch federleicht von den Dreharbeiten zu Jean-Luc Godards Klassiker "Außer Atem" erzählte.


 Auch mit über 60 Jahren hat er sich seine Wandlungsfähigkeit und seine Lust am Experiment bewahrt, wenn er einerseits in "Where´d you go Bernadette?" (2017) Cate Blanchett als psychisch angeschlagene Ehefrau und Mutter auf einen skurrilen Selbstfindungstrip schickt, andererseits mit " Apollo 10 ½: A Space Age Childhood" (2022) einen während der Zeit der ersten Mondlandung 1969 spielenden animierten Science-Fiction-Film dreht und ihm mit "Hit Man - A Killer Romance" (2023) ein wunderbar leichthändiger Mix aus romantischer Komödie und Krimi um einen Fake-Profikiller gelingt.


Höhepunkt im bisherigen Schaffen des Texaners stellt aber wohl der famose Jugendfilm "Boyhood" (2024) dar, für den er über einen Zeitraum von zwölf Jahren die Entwicklung eines Sechsjährigen zum jungen Erwachsenen filmte.


Zu hoffen bleibt, dass er an dieses Meisterwerk mit seinem im 19. Jahrhundert spielenden Herzensprojekt über Ralph Waldo Emerson, Henry Thoreau und Margaret Fuller, die als frühe Wegbereiter des Feminismus, Umweltbewusstseins und der Sklavenbefreiung gelten, anknüpfen kann. Länger wird man vermutlich noch auf das Musical " Merrily We Roll Along" warten müssen, denn die Dreharbeiten begannen zwar schon 2020, doch da wie in "Boyhood" in Echtzeit – aber über einen Zeitraum von 20 Jahren - gefilmt wird, ist dessen Fertigstellung erst für 2040 geplant.



Weitere Informationen und Spieldaten der Retrospektive im Filmpodium Zürich finden Sie hier.



Richard Linklaters Philosophie des Filmemachens (7 Minuten - englisch)


 

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