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Blue Moon

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Blue Moon": Ethan Hawke brilliert in Richard Linklaters wehmütigem Kammerspiel als Songwriter Lorenz Hart
"Blue Moon": Ethan Hawke brilliert in Richard Linklaters wehmütigem Kammerspiel als Songwriter Lorenz Hart

Richard Linklater reicht ein Abend und eine Bar als Schauplatz nicht nur für eine große Hommage an den Songwriter Lorenz Hart, sondern auch für ein Plädoyer für bissige gesellschaftskritische Kunst statt kitschiger Trivialkultur: Ein Kammerspiel, das von einem großartigen Ensemble und brillanten Dialogen getragen wird und trotz der räumlichen Beschränkung alles andere als abgefilmtes Theater ist.


Vor wenigen Wochen lief Richard Linklaters "Nouvelle Vague" an, nun kommt mit "Blue Moon" schon ein weiterer Film des 65-jährigen Texaners in die Kinos. Schon vor der hinreißenden Godard- und Nouvelle Vague-Hommage entstand aber dieses Kammerspiel und während dort mitreißend die Aufbruchsstimmung im französischen Kino um 1960 beschworen wird, bestimmt "Blue Moon" ein melancholischer Blick auf ein Karriereende.


Nachdem Richard Linklater schon in "Orson and Me" (2008) in die amerikanische Film- und Kulturgeschichte eintauchte und sich dem jungen Orson Welles und dessen Mercury Theatre widmete, fokussiert er nun auf dem Songwriter Lorenz Hart (1895 – 1943). Mit seinem Zusammenbruch in einer Gosse von New York und der Meldung vom Tod des erst 48-Jährigen setzt der Film ein und ruft dabei gleichzeitig zahlreiche Hits des Verstorbenen wie "My Funny Valentine", "The Lady Is a Tramp" oder "Blue Moon" in Erinnerung.


Zusammen mit dem Komponisten Richard Rodgers bildete Hart in den 1920er und 1930er Jahre ein erfolgreiches Duo, doch dann löste sich Rodgers aus der Zusammenarbeit, als er den alkoholsüchtigen Songwriter nicht für die Arbeit am Musical "Oklahoma!" gewinnen konnte und fand in Oscar Hammerstein einen neuen Partner. Mit ihm realisierte er "Oklahoma!", das ein Riesenerfolg wurde, und Rodgers & Hammerstein wurden mit Musicals wie "South Pacific", "The King and I" und "The Sound of Music" zu Stars der Branche, während Rodgers & Hart weitgehend vergessen wurden.


In einer auf die Nachricht vom Tod Harts folgenden Rückblende konzentrieren sich Linklater und sein Drehbuchautor Robert Kaplow, der für seine Arbeit für den Oscar nominiert wurde, ganz auf den Premierenabend von "Oklahoma!" am 31. März 1943, rund ein halbes Jahr vor dem Tod Harts am 22. November 1943.


Verärgert über das kitschige Musical, das kritiklos ein ländliches Amerika feiert, verlässt Hart (Ethan Hawke) in der fiktiven Handlung vorzeitig die Premiere, um im Restaurant Sardi´s, in dem auch die Premierenfeier stattfinden wird, auf die von ihm angebetete junge Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) zu warten. Wie in seiner "Sunset"-Trilogie erzählt Linklater quasi in Echtzeit und beschränkt sich ganz auf die Bar des Restaurants als einzigem Schauplatz.


Am Tresen sitzend und ein Glas Whisky nach dem anderen trinkend, unterhält sich Hart mit dem Barkeeper (Bobby Cannavale) und dem Pianisten, der durchgehend den Film begleitet, zunächst über den Kultfilm "Casablanca" ebenso wie über seine Homo- oder Bisexualität. Er beklagt die Trivialität von "Oklahoma!", über dessen Ausrufezeichen er sich mehrfach mokiert, fordert bissige und realistische Texte statt Kitsch, lässt aber auch spüren, wie sehr ihn kränkt, dass Rodgers in Hammerstein einen neuen Partner gefunden hat.


Mit Lorenz Hart porträtiert Linklater voll Liebe einen tragischen Verlierer, zeichnet ihn als verzweifelten Mann, der unglücklich verliebt in eine über 25 Jahre jüngere Frau ist und erteilt auch der erfolgreichen amerikanischen Trivialkultur eine Absage. Ein seltsamer Widerspruch ergibt sich freilich, wenn Linklater seinem Film mit "Blue Moon" ausgerechnet den Titel eines Hits gegeben hat, der Hart selbst zuwider war.


Mit dem Pianisten, der ein beurlaubter Soldat ist, kommen auch die Opfer ins Spiel, die der Erste Weltkrieg forderte und der Zweite noch fordert, während eine Diskussion mit dem ebenfalls in der Bar sitzenden Essayisten Elwyn Brooks White (Patrick Kennedy) auch eine Erklärung für die Entstehung von dessen Kinderbuch um die Maus Stuart Little liefert.


Schließlich kommen auch die Premierengäste und Hart versucht Rodgers (Andrew Scott) in einem längeren Gespräch für neue Projekte zu gewinnen, und führt mit Elizabeth ein sehr persönliches Gespräch über die Liebe.


Ein Kammerspiel, das vor allem vom Dialog lebt, ist das im Grunde, doch nie kommt das Gefühl von abgefilmtem Theater auf. Großen Erzählfluss entwickelt Linklater durch Kamerabewegungen sowie den genau getimten Schnitt, evoziert mit der Ausstattung Zeitstimmung und mit der Pianomusik als Hintergrund viel Melancholie.


Getragen wird "Blue Moon" aber von seinen großartigen Schauspieler:innen. Einfach nur wunderbar ist der durch Maske unkenntliche Ethan Hawke als Lorenz Hart, betörend Margaret Qualley als Elizabeth und Patrick Kennedy besticht ebenso als E.B. White wie Bobby Cannavale als Barkeeper Eddie, zu dem der Film immer wieder zurückkehrt.


Das ist formal alles andere als modernes Kino, aber mit einer Perfektion und einer Liebe inszeniert, die begeistert und die auch die tiefe Menschenliebe Linklaters in jeder Szene spüren lässt. Eines wirklich großen Könners bedarf es auch, um in einer so kleinen und so begrenzten Geschichte mit leichter Hand so eindringlich und bewegend von Liebe, Freundschaft, aber auch von Verbitterung und unterschiedlichen Vorstellungen von Kunst zu erzählen.


Gleichzeitig beweist der Texaner mit diesem Film aber auch erneut seine Vielseitigkeit, wenn er sein Werk, zu dem unter anderem die grandiose Kindheitsgeschichte "Boyhood", die "Sunset"-Trilogie, der höchst unterhaltsame Schulfilm "School of Rock" und die romantische Krimikomödie "A Killer Romance" gehören, nun um so ein kleines, aber wunderbar rundes und zutiefst bewegendes Period Piece erweitert.

 


Blue Moon

USA 2025

Regie: Richard Linklater

mit: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Bobby Cannavale, Andrew Scott, Patrick Kennedy, Jonah Lees, Simon Delaney

Länge: 100 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Kino GUK in Feldkirch.

Trailer zu "Blue Moon"



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