• Walter Gasperi

Return to Dust


In prächtigen Bildern und mit genauem Blick für die landwirtschaftliche Arbeit erzählt Li Ruijun von der langsam wachsenden Liebe in einer arrangierten Ehe: Ein durch seine ruhige Erzählweise bewegende Kraft entwickelndes Liebesdrama, das gleichzeitig mit seiner stillen Hommage an ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur als Kritik an der rasenden Modernisierung Chinas gelesen werden kann.


Fern vom modernen China spielt Li Ruijuns sechster Spielfilm auf dem noch unberührten Land im und um ein nordwestchinesisches Dorf am Rande der Wüste Gobi. Immer noch entscheiden hier die Eltern über die Heirat ihrer Kinder und so werden der wortkarge Bauer Ma (Wun Renlin) und Guiying (Hai-Qing), die nach Misshandlungen unfruchtbar und inkontinent ist, verehelicht, ohne dass sie sich näher kennen würden.


Erleichtert scheinen beide Familien, dass die Beiden ihnen endlich nicht mehr zur Last fallen. Gleichzeitig sind sie im Dorf, aus dem die Jungen auf der Suche nach Arbeit schon weggezogen sind, Außenseiter. Mehr von der Dorfgemeinschaft verlacht als in diese integriert, gibt es für das Paar nur den jeweils anderen.


Wortkarg, fast stumm leben sie zunächst nebeneinander, doch bei der bäuerlichen Arbeit sind sie aufeinander angewiesen. Über diese gegenseitige Hilfe keimt so langsam Liebe und Fürsorge auf. Leidenschaftliche Küsse oder eine Bettszene wird man hier nie sehen und dennoch wird in der langsamen, aber genau kontrollierten Erzählweise die wachsende innige Liebe spürbar.


Diese Liebe und Achtsamkeit korrespondieren mit einer Liebe zur Natur und einem Leben im Einklang mit dieser. Viel Zeit nimmt sich der 39-jährige Regisseur für den Alltag des Paares und die bäuerliche Arbeit. Vom Auflockern des Bodens mit einem von einem Esel gezogenen hölzernen Pflug über das Säen des Weizens und des Mais bis zur Ernte, dem Dreschen des Weizens und dem Anbau von Herbstgemüse spannt sich der Bogen über fast ein Jahr. In leuchtend braune und gelbe Erdtöne ist ein Großteil des Films getaucht, sattes Grün kommt mit dem reifen Maisfeld ins Spiel.


Fast zu einem dritten Hauptdarsteller wird dabei der Esel, der als universales Arbeitstier bald den Karren mit der Ernte ziehen muss, bald beim Dreschen eingesetzt wird. Durchaus eine Metapher für die Situation des einfachen Volkes insgesamt kann man in dieser geschundenen Kreatur sehen.


Und zu der bäuerlichen Arbeit kommt noch der mühsame und langwierige Bau eines neuen Hauses, für das Lehm abgegraben, Ziegel geformt und getrocknet und schließlich die Wände gemauert und das Strohdach aufgezogen werden müssen. Auch für die Schilderung dieser Arbeiten lässt sich Li viel Zeit und auch hier verstärkt die gemeinsame Arbeit oder der Versuch die Ziegel vor einem heftigen Regen zu schützen die Beziehung.


Mit dem Neubau kommt aber auch die staatlich forcierte Modernisierung Chinas ins Spiel. Denn Grund für den Bau ist, dass das Paar aus dem zunächst bezogenen alten und verlassenen Haus ausziehen muss, als der Eigentümer es niederreißen lässt, weil es dafür eine staatliche Prämie gibt. Sinnbild für diesen gesellschaftlichen Umbruch ist auch ein Unternehmer, der mit weißem BMW vorfährt. Einerseits nützt dieser die Bauern aus, indem er nur niedrige Preise für ihre Ernte zahlt, andererseits sichert er damit aber doch ihr Überleben.


Nichts Spektakuläres passiert hier, doch im Kleinen und Privaten entwickelt sich für das Paar ein Glück, von dem sie als Außenseiter und Missachtete zuvor nicht zu träumen wagten.

Beglückend ist es einfach zuzusehen, wie Ma und Guiying verfolgen, wie in einem durchlöcherten und von einer Lampe erhellten Pappkarton Küken schlüpfen, und wie diese langsam zu Hühnern heranwachsen. Und während andere beim Abriss des Hauses bedenkenlos ein Taubennest zerstören, sucht Ma dieses unter den Trümmern und findet dafür einen neuen Platz.


Perfekt korrespondiert der langsame Erzählrhythmus mit langen und ruhigen Einstellungen mit diesem langsamen, aber sehr achtsamen und mit Wenigem beschwerlichen, aber glücklichen Leben. Eintauchen lässt diese Erzählweise in diese von Kameramann Wang Weihua großartig eingefangene einfache bäuerliche Welt.


Und gleichzeitig zeigt Ruijun als Kontrast dazu einen modernen städtischen Wohnblock, in den das Paar umziehen soll. Unwohnlich wirkt diese Wohnung mit ihren kalten, weißen Wänden, die in scharfem Kontrast zu den warmen Erdfarben des bäuerlichen Umfelds stehen. Nicht nur spüren kann man, wie unwohl sich hier das Paar fühlt, sondern auch physisch wirkt sich dieses Ambiente bei der Besichtigung auf Guiying aus.


So verhandelt "Return to Dust" ganz unaufdringlich im Rahmen einer ebenso einfachen wie leisen, aber sehr tiefen Liebesgeschichte im Kern auch die Spannungen Chinas zwischen Tradition und Moderne. Ohne das harte Bauernleben dabei zu verklären oder zu beschönigen, erzählt Ruijun dabei auch, wie mit der Modernisierung und der Entwurzelung vom Herkunftsort Empathie und menschliche Wärme verloren gehen können und Materielles vom Geld bis zum Fernseher an Bedeutung gewinnen.


Auch den chinesischen Behörden blieb dieser kritische Akzent wohl nicht verborgen. Zunächst erhielt der bei der heurigen Berlinale uraufgeführte Film wohl in der Meinung, dass das Publikum ausbleibt, zwar eine Freigabe. Als sich "Return to Dust" aber zu einem Publikumserfolg entwickelte, schritt im September die Zensurbehörde ein: Zunächst wurden Kinovorführungen verboten, dann wurde der Film auch aus allen Streamingdiensten gelöscht.



Return to Dust China 2022 Regie: Li Ruijun mit: Wu Renlin, Hai-Qing, Yang Guangrui, Zhao Dengping, Wang Cailan, Zeng Jiangui, Wu Yunzhi, Ma Zhanhong Länge: 132 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Return to Dust"