• Walter Gasperi

Rams - Sture Böcke


Seit vierzig Jahren haben die Brüder Gummi und Kiddi kein Wort mehr gewechselt, doch wenn es um die Rettung der letzten Schafe in einem abgelegenen nordisländischen Tal geht, werden solche Gräben überwunden. – Bei filmingo gibt es Grimur Hákonarsons wunderbar trockene Tragikomödie, von der es inzwischen auch ein australisches Remake gibt, zum Streamen (Schweiz, Liechtenstein).


Lange bleibt die Totale mit der weiten isländischen Landschaft, dem Bergrücken im Hintergrund, dem wolkenverhangenen Himmel und den zwei nahe nebeneinander stehenden Häusern stehen. Man meint in dieser Weite wäre der soziale Kontakt zwischen Nachbarn eine Selbstverständlichkeit, doch das Gegenteil ist der Fall, denn die Brüder Gummi und Kiddi haben seit 40 Jahren kein Wort mehr miteinander gesprochen.


Offen bleibt, was sie entzweit hat, gemeinsam sind ihnen neben den dicken Wollpullovern und ihren mächtigen Bärten nur die Liebe zu ihren Schafen, denn beide sind – wie wohl alle Bewohner des Tals – Schafzüchter. Liebevoll spricht da Gummi in Grimur Hákonarsons wortkargem zweitem langem Spielfilm mit seinen Tieren. Voll Stolz bringen beide ihre besten Böcke zu einer Schafausstellung, wo Rückenmuskel und andere Körperteile von der Veterinärin geprüft werden.


Den zweiten Platz erringt Gummi, aus dessen Perspektive Hákonarson erzählt, doch schwer geschlagen wirkt er, denn ausgerechnet sein Bruder besiegt ihn um einen lächerlichen halben Punkt. Bald verlässt Gummi so die Feier, prüft nochmals den Bock des Bruders und glaubt festzustellen, dass dieser an der ansteckenden Traberkrankheit leidet. Als sich der Verdacht bestätigt und alle Schafe im Tal getötet werden müssen, setzt aber eine Wende in der Beziehung der Brüder ein.


Knochentrocken, unaufgeregt und mit herrlichem Sinn für Witz erzählt Hákonarson diese kleine Geschichte, die vom genauen Blick für Details ebenso wie – und ganz zentral - von der Einbettung in die isländische Landschaft durch die großartige Kameraarbeit von Sturla Brandth Grovlen lebt. Spektakuläre Kamerabewegungen wie in Sebastian Schippers in einer Einstellung gedrehtem "Victoria", bei dem auch der Norweger die Kamera führte, sind hier nicht nötig: er vertraut ganz auf die Majestät der isländischen Landschaft und taucht den ganzen Film in Erdfarben, während helle Töne wie Rot oder Gelb weitgehend fehlen.


Ein knorriger und eigenwilliger Film ist das, der freilich im Zusammenprall der Gegensätze großes Vergnügen bereitet, dessen Handlung zwar vorhersehbar ist, dessen abruptes und offenes Ende dennoch überrascht – und vor allem jeden Anflug von Sentimentalität vermeidet, weil das alles einerseits so trocken inszeniert ist und andererseits wunderbar natürlich wirkt.


Streaming bei filmingo.ch (Schweiz und Liechtenstein)


Trailer zu "Rams - Sture Böcke"