• Walter Gasperi

Quo vadis, Aida?


Jasmila Žbanić zeichnet aus der Perspektive einer bosnischen UN-Dolmetscherin die dramatische Entwicklung zum Massaker von Srebrenica nach, bei dem serbische Paramilitärs im Juli 1995 über 8000 bosnische Muslime ermordeten. – Ein packender und aufwühlender Film, der auch durch die Fokussierung auf dem Schicksal der Familie der Protagonistin große emotionale Wucht entwickelt.


Schon in ihrem 2006 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Spielfilmdebüt "Grbavica – Esmas Geheimnis" setzte sich die Bosnierin Jasmila Žbanić mit den Gräueln des Bosnienkriegs auseinander. Langsam muss hier ein Teenager entdecken, dass ihr Vater kein großer Kriegsheld war, sondern dass ihre Mutter vielmehr auch ein Opfer der systematischen Vergewaltigung durch Serben war und sie selbst die Frucht eines solchen Gewaltakts ist.


Im Gegensatz zu diesem kleinen und zurückhaltenden Film fährt Žbanić in "Quo vadis, Aida?", der lose auf dem Buch "Unter der Flagge der Vereinten Nationen. Die Staatengemeinschaft und der Völkermord von Srebrenica" des Srebrenica-Überlebenden Hasan Nuhanović beruht, große Geschütze auf. Unmittelbar hinein ins Geschehen versetzt sie den Zuschauer und beschränkt sich auf die Ereignisse am 11. und 12. Juli 1995.


Keine Hintergrundinformationen werden geliefert, vielmehr zielt der Film, der auch für den Oscar als Bester Internationaler Film nominiert wurde, auf Immersion. Hautnah soll man aus der Perspektive der Englischlehrerin Aida (Jasna Đuričić), die bei den niederländischen UN-Schutztruppen als Dolmetscherin arbeitet, die Ereignisse miterleben. Mit ihr als Protagonistin bekommt man Einblick sowohl in das Agieren oder vielmehr Nicht-Agieren und Versagen der UNO als auch in die verzweifelte Situation der Bosniaken.


In ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin wechselt sie quasi permanent die Seiten. Da muss sie einerseits die Bitte des Bürgermeisters von Srebrenica um militärischen Schutz und Intervention der niederländischen UN-Schutztruppe übersetzen, andererseits auch die abschlägige Antwort des Blauhelm-Kommandanten Thomas Karremans (Johan Heldenbergh).

Verzweifelt versucht zwar Karremans die UNO zu den Luftangriffen zu drängen, die im Falle eines serbischen Angriffs auf Srebrenica zugesichert worden waren, doch die Staatengemeinschaft reagiert nicht oder die Zuständigen lassen sich am Telefon verleugnen.


Dringlicher wird die Situation, als die Bosniaken vor den Serben aus Srebrenica zum UN-Lager flüchten, das in einer alten Fabrik eingerichtet wurde. Rund 5000 werden zwar aufgenommen, doch tausende weitere warten vor den Toren und werden nicht mehr eingelassen. Doch auch das UN-Lager bietet keinen Schutz: Als der serbische General Ratko Mladic (Boris Isaković) die Auslieferung fordert und sichere Evakuierung mit Bussen zusichert, gibt Karremans schließlich nach – obwohl er ahnen kann, dass die Serben nicht daran interessiert sind, die Bosniaken zu evakuieren.


Aufwühlend zeichnet Žbanić, die mit Ausnahme von einer Rückblende und vom Epilog auch auf Musik verzichtet, die Ereignisse nach. In hartem und ungeschöntem Realismus zeigt die 47-jährige Regisseurin die Überforderung der vielfach jungen und unerfahrenen UN-Soldaten und prangert das Versagen der UNO insgesamt an. Große emotionale Wucht entwickelt "Quo vadis, Aida?" dabei vor allem durch die zunehmende Fokussierung auf dem Kampf Aidas um ihren Ehemann und ihre beiden Söhne. Pars pro toto steht diese individuelle Tragödie für die Tragödie von Tausenden, die in den Massen vor und im Lager ständig präsent ist.


Man spürt die ständige Bedrohung, in jeder Szene strahlen General Mladic und seine Helfer Aggression und Gewalt aus. Gezielt werden dabei auch Assoziationen an NS-Deportationen und die Vergasung von Juden geweckt, wenn hier Bosniaken in Busse und anschließend in einen Saal getrieben werden, in dem ihnen angeblich ein Film gezeigt werden soll. Auf offene Gewaltszenen verzichtet Žbanić aber weitgehend, formuliert auch das Massaker nicht aus, sondern beschränkt sich auf Gewehrsalven auf der Tonspur.


In Details macht "Quo vadis, Aida?" auch bewusst, wie der Krieg zum Bruch zwischen früheren Nachbarn führte und einstige Schüler von Aida nun zu den serbischen Schlächtern zählen, frühere gute Bekannte nun Feinde sind. Einem ehemaligen serbischen Schulfreund ihres Sohns verschweigt Aida so auch besser die Wahrheit auf dessen Frage nach dem Aufenthaltsort ihres Sohnes.


Auf verlorenem Posten steht in dieser kriegerischen Männerwelt Aida, die von der Serbin (!) Jasna Đuričić mit Leidenschaft und großem Körpereinsatz gespielt wird. Wie eine Löwin kämpft sie um ihre Familie, hetzt verzweifelt von einem Offizier zum nächsten, um wenigstens Schutz für ihre nächsten Angehörigen zu erreichen – und bleibt doch nur ein Spielball zwischen den UN-Befehlshabern und den Serben.


Ganz auf zwei Tage konzentriert sich Žbanić, erzeugt Unmittelbarkeit und Nähe mit einem quasidokumentarischen Stil, der an Paul Greengrass´ Nordirland-Film "Bloody Sunday" oder dessen 9/11-Film "Flug 93" erinnert. Mit der dynamischen Handkamera von Christine A. Maier und schnellen Schnitten macht sie die Hektik und Anspannung erfahrbar, nimmt den Zuschauer förmlich in Geiselhaft und macht ihn zum Zeugen eines grausamen Massakers, bei dem immer noch unfassbar ist, dass so etwas am Ende des 20. Jahrhunderts mitten in Europa und unmittelbar vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschehen konnte.


Unmissverständlich zeigt Žbanić , dass den Blauhelmen durchaus bewusst war, was mit den bosnischen Männern passiert, doch statt einzuschreiten schaute man lieber weg und verschloss die Augen. So plädiert dieser aufwühlende und erschütternde Film auch universell und zeitlos entschieden für Zivilcourage und gegen dieses Wegschauen, das auch im Epilog nochmals thematisiert wird, wenn Grundschüler sich die Augen zuhalten und dann wieder öffnen.


Gleichzeitig macht dieser Epilog, der sich auch durch ruhige und lange Einstellungen vom hektischen Handkamerastil des Hauptteils abhebt, mit Aidas Rückkehr in ihre Heimatstadt Srebrenica und der Wiederaufnahme ihres Berufs als Lehrerin Hoffnung auf Versöhnung der nächsten Generationen. Aber er löst auch Irritation aus, wenn ehemalige Täter und Opfer, so als wäre nichts geschehen, nun wieder bei der Schulvorstellung in einem Saal, in dem wohl auch Teile des Massakers durchgeführt wurden, nebeneinander sitzen.

Läuft ab Freitag, den 25.6. in den österreichischen Kinos, z.B. im Rahmen des TaSKino Feldkirch im Kino Rio - ab August in den Schweizer Kinos


Trailer zu "Quo vadis, Aida?"