• Walter Gasperi

Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time


In der Schwebe zwischen Liebesfilm und Thriller erzählt die Ungarin Lili Horvát in ihrem zweiten Spielfilm von einer großen Liebe, die vielleicht nur Wunschvorstellung ist. – Präzise Bildsprache und eine starke Natasa Stork in der Hauptrolle übertragen die zunehmende Verunsicherung der Protagonistin direkt auf die Zuschauer*innen.


Ein Auszug aus Sylvia Plaths Gedicht „Mad Girl´s Love Song“ hat Lili Horvát ihrem zweiten Spielfilm vorangestellt und die letzte Verszeile „I think I made you up inside my head“ deutet schon die Möglichkeit an, dass sich die Protagonistin (Natasa Stork) vielleicht von ihrer Einbildung täuschen lässt und ihre eigenen Gefühle aus einem Wunschdenken heraus auf einen anderen überträgt.


In den USA hat sich die Ungarin Márta zur renommierten Neurochirurgin hochgearbeitet, doch als sie auf einem Kongress in New Jersey ihren ungarischen Kollegen János Drexler (Viktor Bodó) sieht, ist es um sie geschehen und sie weiß auch ohne ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, dass dies der Mann ihres Lebens ist. Nur einen Nachmittag haben sie sich unterhalten, vereinbaren aber, sich exakt einen Monat später auf der Freiheitsbrücke in Budapest zu treffen.


Horvát zeigt diese Vorgeschichte nicht, sondern lässt Márta darüber einem Psychotherapeuten berichten und immer wieder unterbrechen diese Sitzungen den Handlungsverlauf. Isoliert stehen diese Szenen da, in denen Detailaufnahmen von Mártas Gesicht dominieren. Klarheit möchte sie vom Therapeuten darüber, ob sie an einer Persönlichkeitsstörung leidet und sie sich die Begegnung mit János nur eingebildet hat und sie Produkt einer Wunschvorstellung ist.


Aufgrund dieser Begegnung gibt sie nämlich ihre Karriere in den USA auf, lässt dieses Leben hinter sich und kehrt nach 20 Jahren nach Ungarn zurück. Mit Blicken auf Márta und ihren Blicken auf die Passanten auf der Freiheitsbrücke und unterstützt von der physisch sehr präsenten Natasa Stork vermittelt die Kamera von Róbert Maly Mártas gespannte Erwartung ebenso wie die Enttäuschung, als János nicht kommt.


Doch so schnell gibt Marta nicht auf und bewirbt sich um eine Stelle an der Universitätsklinik, obwohl sie der Professor dafür für überqualifiziert hält. Tatsächlich begegnet sie bald Janos vor der Klinik, doch als dieser behauptet, sie nicht zu kennen, bricht sie bewusstlos zusammen. Dennoch reist sie nicht ab, mietet bald eine Wohnung, die zwar in desolatem Zustand ist, aber einen Blick auf die Freiheitsbrücke bietet.


Während sie wenig Interesse für den erwachsenen Sohn eines Patienten zeigt, der sich in sie verliebt, beginnt sie János zu beobachten und zu verfolgen. Aber was ist real und was Einbildung? So romantisch es auch ist, wenn Márta und János sich zunächst auf gegenüberliegenden Gehsteigen gegenüberstehen, dann parallel im Gleichschritt bald vorwärts, bald rückwärts gehen, so irreal und geträumt wirkt diese Szene doch auch. Und seltsam ist auch, wie János plötzlich verschwunden ist, nachdem sie sich scheinbar in ihrer Wohnung geliebt haben.


Unübersehbar an Hitchcocks „Vertigo“ knüpft die 39-jährige Ungarin mit dem Thema der obsessiven Liebe an, scheint diesen Klassiker auch mit einer Wendeltreppe gezielt zu zitieren, dreht aber die Perspektive um. Hier steht für einmal eine Frau im Zentrum, die zudem als Neurochirurgin streng wissenschaftlich an die Dinge herangeht, äußerste Präzisionsarbeit bei ihren Operationen leisten muss und Expertin für Krankheiten ist, die das Gehirn betreffen. Der Macht der Liebe, die sich eben nicht rational erklären lässt, entkommt aber auch sie nicht, beginnt aber – wiederum ganz Wissenschaftlerin – an ihrem Verstand zu zweifeln und nimmt psychotherapeutische Hilfe in Anspruch.


Weil Horvát dabei konsequent aus Martas Perspektive erzählt und die Zuschauer*innen damit in ihre Wahrnehmung versetzt, überträgt sie perfekt die sich steigernde Verunsicherung auf das Publikum. Souverän baut sie Thrillerspannung auf und hält ihren Film, dessen endlos langer Titel Erinnerungen an die Titel der Filme von Lina Wertmüller weckt, bis zum Finale meisterhaft in der Schwebe zwischen Realität und Einbildung. Zu verdanken ist das nicht zuletzt auch der Kameraarbeit von Róbert Maly, der mit präziser Bildsprache und überlegter Farbdramaturgie diesen auf analogem 35mm-Material gedrehten Mix aus Liebesfilm und Thriller auch zu einem Sehgenuss macht.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time"