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  • AutorenbildWalter Gasperi

Plan 75


Chie Hayakawa spinnt das reale Problem der Überalterung der japanischen Gesellschaft weiter und lässt die Regierung ein Programm entwickeln, das Senior:innen den begleiteten Freitod schmackhaft machen soll: Ein sanfter, humanistischer Film, der trotz des bedrückenden Themas das Leben feiert.


Mehr noch als in anderen Industrienationen ist in Japan die Überalterung der Gesellschaft ein Problem. In provokativer Überspitzung hat der junge Ökonom Yusuke Narita deshalb vor einigen Monaten den Vorschlag gemacht, dass die Alten doch Selbstmord begehen sollen, um Jüngeren Platz zu machen.


Dieser Gedanke findet sich auch am Beginn von Chie Hayakawas "Plan 75", für den sie ihr Segment des von Hirokazu Kore-eda produzierten Episodenfilms "Ten Years Japan" (2018) zu ihrem Langfilmdebüt ausgebaut hat.


Mehr angedeutet als ausformuliert wird in der Eröffnungsszene ein Massaker in einem Altersheim. Bevor der Täter sich selbst tötet, betont er, dass seine Tat ein Denkanstoß sein soll. Die Alten sollen sich doch an die stolze japanische Tradition, sich für die Nation aufzuopfern, erinnern und ihr Leben hingeben, um den nachfolgenden Generationen eine gute Zukunft zu ermöglichen.


Keine Fiktion ist dieser Auftakt, sondern ist inspiriert von einem Messerangriff in einem Behindertenheim, bei dem ein junger Mitarbeiter 2016 19 Menschen tötete. Hayakawa spinnt diese Idee nun weiter und lässt die japanische Regierung auf vermehrte Anschläge auf Altersheime mit der Einführung des "Plan 75" reagieren.


Dabei soll ein Unternehmen Menschen über 75 den Freitod schmackhaft macht. In Hochglanzbroschüren wird die Dienstleistung beworben, Betreuung durch ein freundliches Team wird garantiert und eine nach Unterzeichnung des Vertrags ausbezahlte Belohnung soll den zum Tod Bereiten noch ermöglichen, einen letzten Traum zu erfüllen.


78 ist auch schon die alleinstehende Michiko (Chieko Baisho). Immer noch arbeitet sie aber zusammen mit einigen Freundinnen als Reinigungskraft in einem Hotel. Nach der Pensionierung steht sie aber nicht nur allein da, sondern zudem droht Delogierung aufgrund des geplanten Abrisses des Mietshauses. Wenn sie aufgrund ihrer bescheidenen Rente keine neue Unterkunft findet, kommt auch das Thema Altersarmut ins Spiel. Bald sieht sie nur noch im Angebot des smarten Vertreters von "Plan 75" einen Ausweg.


Mit diesem jungen Mann namens Hiromu (Hayato Isomura) kommt eine zweite Perspektive ins Spiel, denn er wird in seinem Job bald auch mit seinem, ihm entfremdeten Onkel konfrontiert. Zwar ist bei "Plan 75" vorgesehen, dass ein Angestellter nicht den Sterbewunsch eines Angehörigen begleiten darf, doch Hiromu nimmt dennoch zunehmend Anteil am Schicksal seines Onkels und baut wieder eine Beziehung auf.


Eine dritte Perspektive kommt mit einer jungen philippinischen Pflegekraft (Stefanie Arianne) dazu. Liebevoll kümmert sie sich um alte Menschen, nimmt dann aber bald einen wesentlich besser bezahlten Job bei "Plan 75" an. In Kauf nimmt sie, dass sie dabei die Habseligkeiten der Verstorbenen sortieren muss oder mit den Sterbewilligen Telefonate führen muss, denn dringend benötigt sie das Geld für eine Operation ihrer kleinen Tochter.


Als Schwachpunkt erscheint diese Figur, da sie im Laufe des Films kaum an Gewicht gewinnt. Besser wäre es wohl gewesen, wenn sich Hayakawa ganz auf Michiko konzentriert hätte. Großartig wird diese alte Frau von Chieko Baisho gespielt. Jeder Blick und jede Geste stimmen hier. Ihre ausweglose Lage wird ebenso erfahrbar, wie ihre Freude beim Gespräch mit der Betreuerin, die freilich nur ihren Job erledigt und das Telefonat nach den vorgesehenen 15 Minuten beenden muss.


Wenn sie mit ihren Freundinnen zusammensitzt und Karaoke singt oder bei einem Kegelabend alle Neune trifft, wird in ihrer Freude spürbar, wie gern sie noch lebt. Wenn Hayakawa den alten Menschen dabei immer wieder junge gegenüberstellt, erinnert die Regisseurin auch unaufdringlich, aber eindrücklich daran, dass diese Senior:innen nur quasi eine ältere Version der Jungen sind und bald sie selbst an deren Stelle stehen werden.


So feiert "Plan 75" das Leben und kritisiert eine Gesellschaft, die keinen Platz mehr für die ältere Generation hat, ihr keinen Lebensstandard bietet und sie in Einsamkeit verkümmern lässt. Mit seinen blassen Farben, der Dominanz von Blau- und Grautönen, der geringen Schärfentiefe und seinen vielfach halbdunklen Räumen erzeugt Kameramann Hideo Hurata dicht eine bedrückende und freudlose Stimmung. Der Welt fühlt man sich hier schon etwas enthoben, gewissermaßen in einem Zwischenraum zwischen Leben und Tod.


Doch dieser bedrückenden Atmosphäre steht der von großer Empathie und Feingefühl bestimmte Blick Hayakawas auf ihre Protagonistin gegenüber. Immer ist das tiefe Mitgefühl und die Liebe der Regisseurin zu spüren, sodass man diese rüstige Seniorin rasch ins Herz schließt und ihr Schicksal tief berührt. Da nimmt man auch in Kauf, dass Hayakawa den genauen und geduldigen Blick nicht ganz durchhält und die Handlung gegen Ende doch etwas sprunghaft und hektisch wird und die Genauigkeit der Schilderung verlorengeht.


Plan 75 Japan / Frankreich / Philippinen / Katar 2022 Regie: Chie Hayakawa mit: Chieko Baisho, Hayato Isomura, Stefanie Arianne, Taka Takao, Yumi Kawai, Hisako Ôkata, Kazuyoshi Kushida Länge: 113 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Plan 75"


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