Pillion
- Walter Gasperi

- vor 10 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Eine sadomasochistische Beziehung als romantische Tragikomödie? – Dem Briten Harry Lighton gelingt ein Langfilmdebüt, das durch unvoreingenommen Blick und natürliche Schauspieler überzeugt und sicher Witz mit berührenden Momenten mischt.
Schon mit der nächtlichen Motorradfahrt auf einer Landstraße zieht Harry Lighton die Zuschauer:innen in seine Verfilmung von Adam Mars-Jones´ Roman "Box Hill" hinein. Die diesem Auftakt unterlegte italienische Cover-Version "Chariot (Sul mio carro)" des Hits "I will follow you, follow him wherever he may go" stimmt dabei schon auf die Handlung ein, denn bedingungslos wird sich der junge Colin (Harry Melling) dem coolen Biker Ray (Alexander Skarsgård) unterwerfen und dessen Wünsche erfüllen.
Für Ray sind das schwarze Motorrad und sein Rottweiler sein Ein und Alles. Die durch Lederkleidung betonte Männlichkeit des gutaussehenden Mannes steht in scharfem Kontrast zur Unsicherheit und Schüchternheit des unerfahrenen Colin, der an Weihnachten im Pub in einer Barbershop A-Capella-Gruppe Weihnachtslieder singt und als Parkhauskontrolleur arbeitet.
Unaufdringlichen Witz entwickelt "Pillion", dessen Titel mit der Bezeichnung des Beifahrersitzes beim Motorrad auf die Rolle Colins in der Beziehung zu Ray verweist, durch die Gegensätzlichkeit dieser Figuren. Verstärkt wird dieser noch durch Colins Elternhaus, in dem die unheilbar an Krebs erkrankte Mutter (Lesley Sharp) für den Sohn Dates mit Männern organisiert, der Vater (Douglas Hodge) dagegen im Hintergrund bleibt. Die Homosexualität des Sohnes ist für die Eltern offensichtlich kein Problem. Dennoch wird die Mutter bei einem Besuch von Colin und Ray verstört reagieren, denn wie Ray mit ihrem Sohn umgeht, gefällt ihr gar nicht.
Während das von der Mutter arrangierte Date sich als Flop erweist, verliebt sich Colin im Pub auf Anhieb in Ray. Gerne lässt er sich von diesem Biker herumkommandieren, versucht in einer Seitengasse, seinen Wunsch nach oraler Befriedigung zu erfüllen und leckt ihm die Stiefel. Vor expliziten Sexszenen hat Lighton keine Angst, doch gerade die direkte Inszenierung und der genaue und offene Blick auf die Welt des BDSM, des Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism, macht dieses Debüt so überzeugend.
Bald zieht Colin bei Ray ein und freut sich, für ihn einkaufen, ihn bekochen und auf dem Boden neben seinem Bett schlafen zu dürfen. Während der Rottweiler beim Essen neben Ray auf der Couch sitzt, muss Colin, dem Ray wie einem Hund eine Kette um den Hals legt, stehend essen. Andererseits erlebt er durch die sklavische Unterordnung als Sub durch Ray, den Alexander Skarsgård als undurchschaubaren Dom spielt, der niemanden und nichts an sich herankommen lässt, sondern sich durch seine Lederkluft wie durch einen Panzer schützt, bislang unbekannte Freuden.
Einerseits entwickelt der Film dabei Witz, berührt andererseits, denn Lighton macht sich nie über den von Harry Melling feinfühlig gespielten Colin lustig, sondern nimmt seine Sehnsucht und sein Begehren ernst. Aber auch der Kontrast zwischen der Lederkleidung tragenden und scheinbar so männlichen Biker-Community und der Verspieltheit und Zärtlichkeit, die diese bei einer Party und bei einem Picknick an einem Fluss an den Tag legt, sorgt für Heiterkeit.
Wesentlich zum Gelingen dieses Debüts trägt die atmosphärisch dichte Einbettung in ein realistisch geschildertes Milieu bei. Aus diesem Hintergrund heraus entwickelt Lighton mit wunderbar natürlich agierenden Schauspielern die Handlung. Weder voyeuristisch noch schmuddelig ist der Blick des 34-jährigen Regisseurs dabei, sondern besticht durch seine Ehrlichkeit und Authentizität.
Ohne zu werten schildert Lighton ganz selbstverständlich das Abhängigkeitsverhältnis mit Rays dominantem Auftreten auf der einen und Colins Unterwürfigkeit auf der anderen Seite. Differenziert leuchtet er diese Beziehung aus und zeigt auch überzeugend auf, welche Dynamik sich entwickelt, wenn Colin die freiwillige Unterordnung langsam hinter sich lässt, Ray auf Augenhöhe begegnen will und zum Verlangen nach Sex Gefühle und echte Liebe kommen.
Für einen Partner, für den seine Dominanz essenziell ist, kann das schnell zu viel werden. Doch Lighton zeigt, wie Colin durch diese Selbstfindung innerlich reift und er in Zukunft offen zu seinem masochistischen Charakter stehen und eine Beziehung von vornherein mit dieser Positionierung beginnen kann.
Pillion Großbritannien / Irland 2025 Regie: Harry Lighton mit: Harry Melling, Alexander Skarsgård, Douglas Hodge, Lesley Sharp Länge: 106 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kino Scala in St. Gallen
Trailer zu "Pillion"




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