• Walter Gasperi

Petite nature


Autobiographisch beeinflusst erzählt Samuel Theis von einer Kindheit in prekären Verhältnissen und einer langsamen Emanzipation: Eine ungeschminkt realistische Inszenierung und ein großartig-natürliches, teilweise von Laien gebildetes Ensemble fügen sich zu einem bewegenden Porträt eines Zehnjährigen, der zunehmend von einem besseren Leben träumt.


Nachdem Samuel Theis sich in seinem Debüt "Party Girl" teilweise an der Geschichte seiner Mutter orientierte, arbeitet er nun seine eigene Kindheit in prekären Verhältnissen in Lothringen auf.


Unvermittelt ist der Einstieg, aber schon mitten drin ist man in diesem Film, wenn der zehnjährige Johnny (Aliocha Reinert) mit einem Mann – vielleicht seinem Vater - am Küchentisch sitzt und dem zitternden Mann eine Zigarette dreht. Im Hintergrund wird währenddessen die Wohnung geräumt, denn Johnny zieht mit seinen beiden Geschwistern und seiner Mutter (Melissa Olexa) aus.


Zutiefst berührend ist die Einstellung in der die drei Kinder und ihre Mutter, die selbst fast noch ein Kind ist, mit Sack und Pack zu Fuß auf der Straße zu ihrer neuen Wohnung unterwegs sind. Mit dem Umzug kommt der blonde Johnny auch in eine neue Schule. Zurückhaltend agiert der Junge zunächst, hat nichts zu sagen, wenn Lehrer Jean (Antoine Reinartz) die SchülerInnen auffordert zu erzählen, was ihre Träume sind und wo sie sich in 20 Jahren sehen.


Und doch fasziniert Johnny dieser Lehrer. Er beginnt ihm nachzuspionieren, macht dessen Wohnort ausfindig, sucht dort Zuflucht, als er von seiner Mutter geschlagen wird. Der Lehrer wiederum fördert den schweigsamen, aber intelligenten Jungen, doch dieser überschreitet zunehmend die Grenzen dieser Beziehung.


Hautnah folgt die Kamera von Jacques Girault Johnny und vermittelt intensiv dessen schwierige Situation. Keine Gelegenheit hat er wirklich Kind zu sein, sondern muss nicht nur immer wieder auf seine kleinere Schwester aufpassen, während die Mutter im Tabakladen arbeitet, sondern muss mehrfach auch für die völlig überforderte Mutter sorgen, sie massieren oder nach einem Rausch ins Bett bringen. Unfähig scheint sie Verantwortung zu übernehmen, vergisst Johnny, wenn sie auf einem Rummelplatz einen Mann kennenlernt. Während der ältere Bruder seine eigenen Wege geht und sich nichts sagen lässt, werden alle Aufgaben auf Johnny abgeschoben.


Auch in der Sozialsiedlung hat es der introvertierte Junge, der mit seiner blonden Mähne sehr feminin wirkt, nicht leicht. Angepöbelt wird er von den anderen Jugendlichen und seine Mutter erklärt ihm, dass er hier lernen müsse Kontra zu geben und zurückzuschlagen. Doch dazu ist Johnny viel zu sensibel und feinfühlig – oder "soft" wie der internationale Titel "Softie" andeutet.


Samuel Theis bietet bedrückende Einblicke in Lebens- und Familienverhältnisse, die man sonst kaum gewinnt. Nicht nur das Schicksal von Johnny berührt hier zutiefst, sondern auch das seiner kleinen Schwestern, die hilflos und verloren wirkt. Ahnen kann man, dass so eine Kindheit gravierende Spuren im späteren Leben hinterlassen wird.


Wie Theis aber diesem prekären Milieu mit einer verdreckten Sozialwohnung das gepflegte bürgerliche Haus des Lehrers gegenüberstellt, so wird der Alltag in der Familie auch von der Schulwelt kontrastiert. Sie erscheint als Ort, an dem Johnny sich selbst finden kann und, gefördert vom Lehrer, sich von der Familie emanzipieren und Zukunftspläne entwickeln kann.


So wird für Johnny zunehmend klar, dass er ein anderes Leben als seine Mutter führen will, dass er eine höhere Ausbildung will und später nicht als Verkäufer oder bei McDonalds arbeiten will. In einem heftigen Wutausbruch macht er bei einem Essen mit Mutter und Geschwistern seinem Hass über die prekären Verhältnisse und das billige Essen Luft.


Zu dieser sozialen Emanzipation kommt aber auch noch eine sexuelle, wenn Johnny sich seinem Lehrer nähert. Dieser bleibt aber professionell und weist den Jungen entschieden zurück. Differenziert schildert Theis so auch die schwierige Gratwanderung einer Lehrer-Schüler-Beziehung, bei der es leicht passieren kann, dass Kinder die besondere Förderung falsch interpretieren. Dazu kommt bei Johnny aber auch die Leerstelle des abwesenden Vaters, die er wohl gerne durch den Lehrer füllen würde.


Intensität entwickelt "Petite nature" durch Theis´ genauen, ungeschminkt realistischen Blick für die sozialen und familiären Verhältnisse, sowie die Unmittelbarkeit der Inszenierung. Getragen wird das berührende Porträt einer schwierigen Kindheit aber von einem Ensemble, für das Theis Laien und Profis mischte.


Unglaublich natürlich und intensiv verkörpert der zwölfjährige Aliocha Reinert Johnny, authentisch agiert aber auch Mélissa Olexa, die als Putzfrau arbeitet, als Mutter sowie Jade Schwartz und Ilario Gallo als Johnnys Geschwister. Und auch Antoine Reinartz als einfühlsamer und engagierter Lehrer, der gleichzeitig stets bemüht ist, die beruflichen Grenzen nicht zu überschreiten, trägt wesentlich zum dichten Gesamteindruck dieses Sozialdramas bei, dessen Protagonist mit seinen schwierigen Lebensverhältnissen haften bleibt.



Petite nature Frankreich 2021 Regie: Samuel Theis mit: Aliocha Reinert, Antoine Reinartz, Mélissa Olexa, Izïa Higelin, Jade Schwartz, Ilario Gallo, Abdel Benchendikh, Romande Esch Länge: 93 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Petite nature"