• Walter Gasperi

Ouistreham – Wie im echten Leben

Aktualisiert: vor 3 Tagen


Eine Schriftstellerin nimmt eine Stelle als Putzfrau an, um für ihr neues Buch über das Leben in prekären Verhältnissen zu recherchieren: Der Star Juliette Binoche und Laien spielen bestechend zusammen, aber Emmanuel Carrères Regie ist unentschlossen.


Wie die junge Christèle (Hélène Lambert) im Arbeitsamt verzweifelt gegen die Behandlung durch die Beamtin protestiert und darlegt, wie eine Kündigung ihre jetzt schon prekäre Situation als alleinerziehende Mutter von drei Kindern dramatisch verschärfen wird, ist eine starke Auftaktszene. Dringlichkeit gewinnt hier ihre Situation, wühlt auf und macht wütend.

Aus dem Hintergrund beobachtet Marianne Winckler (Juliette Binoche) diese Szene. Die bekannte Schriftstellerin ist von Paris in die Normandie gereist, wo sie niemand kennt.


Verdeckt will sie für ihr neues Buch über die Arbeitsbedingungen von Putzfrauen recherchieren, und gibt sich dazu im Arbeitsamt von Caen als Arbeitssuchende aus.

Selbst hat sie wohl auch Bedenken hinsichtlich dieser Unehrlichkeit, fragt sich, ob dieses Spiel mit anderen Reinigungskräften moralisch vertretbar ist. Sie rechtfertigt sich gegenüber sich selbst aber damit, dass sie mit der realistischen Schilderung der Arbeitsbedingungen Missstände aufdecken und die "Unsichtbaren sichtbar" machen kann.


Als Grundlage für seinen Spielfilm diente Emmanuel Carrère das Buch "Le Quai de Ouistreham" ("Putze! Mein Leben im Dreck") der französischen Journalistin Florence Aubenas. Spannende – und auch bedrückende – Einblicke in die Arbeitswelt von Putztrupps bietet "Ouistreham" über Binoche als Identifikationsfigur in der ersten Hälfte. Unmögliche Arbeitszeiten und ständige Verfügbarkeit spricht Carrère ebenso an wie der permanente Zeitdruck und die jederzeit drohende Entlassung.


Auf den Job auf einem Campingplatz folgt bald die Reinigung der Fähren, die von Ouistreham nach Portsmouth verkehren. In 90 Minuten müssen 60 Kabinen gereinigt und die Betten neu bezogen werden. Den Gestank in den Toiletten kann man phasenweise zwar fast riechen, doch dem Film fehlt letztlich die Entschlossenheit bei der Schilderung der bedrückenden Situation dieser Frauen, die ganz auf diese Jobs angewiesen und ihren Arbeitgebern ausgeliefert sind.


Immer wieder ist zwar von prekären Verhältnissen die Rede, aber wirklich erfahrbar werden sie nur am Beginn. Zu sehr schielt Carrère darauf, trotz des harten Themas konsumierbare Kinokost zu bieten. Auch die Fokussierung auf Binoches Figur ist ein Problem. Hervorragend harmonieren die mit Laien besetzten Putzfrauen, die teilweise sich selbst spielen, zwar mit dem französischen Star, müssen aber doch vor allem Binoche zuspielen. Sie ist das Zentrum des Films, ihr ungutes Gefühl angesichts ihres eigenen Verhaltens und ihre Angst entdeckt zu werden, ist dem Film wichtiger als das Schicksal der Putzfrauen.


Verwässert wird der soziale Impetus aber auch durch die zunehmende Fokussierung auf einer Freundschaft, die sich zwischen der Schriftstellerin und der Putzfrau Christèle entwickelt, sowie breit ausgespielten Szenen vom Bowling oder der Abschiedsfeier für eine Reinigungskraft, in der die Freundschaft und Solidarität in dieser Putztruppe beschworen wird.

Nur eine Frage der Zeit ist freilich auch, bis das Doppelspiel der Schriftstellerin auffliegt. – Wie werden ihre Putzfrauen-Kolleginnen dann reagieren? Werden sie sich verraten, ausgenutzt und gedemütigt fühlen oder Verständnis zeigen, denn die Täuschung diente ja – zumindest laut Schriftstellerin – einem guten Zweck?


Auch dass dieser Aspekt eine entscheidende Triebfeder der Handlung ist, beeinträchtigt die Wirkung von "Ouistreham" beträchtlich. – Zu unentschlossen ist dieses Sozialdrama insgesamt, will einerseits Frauenfreundschaft feiern, andererseits prekäre Arbeitsbedingungen anprangern und drittens die Ethik der Recherche der Schriftstellerin zur Diskussion stellen, entwickelt aber nichts entscheidend weiter.


Dieses Problem zeigt sich auch an der einzigen Männerfigur (Didier Pupin), einem Arbeitslosen, der Sympathien für die Schriftstellerin entwickelt. Notdürftig eingefügt, um einen Schuss Liebesgeschichte ins Spiel zu bringen, wirkt diese Figur – und bleibt letztlich so profillos wie leider auch die Putzfrauen, deren Arbeitsbedingungen und prekäre wirtschaftliche Lage einen wesentlich bissigeren und wütenderen Film verdient hätten.



Ouistreham – Between Two Worlds Frankreich 2021 Regie: Emmanuel Carrère mit: Juliette Binoche, Hélène Lambert, Léa Carne, Emily Madeleine, Patricia Prieur Länge: 107 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Ouistreham - Between Two Worlds"