• Walter Gasperi

Oliver Twist (1948)


Trotz einer bedenklichen Zeichnung des Bandenführers Fagin gilt David Leans Version immer noch als beste Adaption von Charles Dickens´ 1837 bis 1839 erschienenem Roman. Bei Pidax Film ist das atmosphärisch dichte, großartig fotografierte und gespielte Kinderdrama mit neu abgetastetem Bild und Ton auf DVD und Blu-ray erschienen.


Nach vier Filmen nach Stücken von Noel Coward nahm sich David Lean, der in den 1950er und 1960er Jahren durch die Großproduktionen "Die Brücke am Kwai", "Lawrence von Arabien" und "Doktor Schiwago" Weltruhm erlangte, zwei Romanen von Charles Dickens an. Während die Verfilmung des Spätwerks "Great Expectations" (1946) aber allgemein gefeiert wurde, sorgte die zwei Jahre später entstandene Verfilmung von Dickens´ Frühwerk "Oliver Twist" (1948) für heftige Kontroversen.


Anlass dafür war die Zeichnung von Fagin, der in London eine Gruppe von Kinderdieben leitet und auch den kleinen Oliver Twist einspannen will. Im Gegensatz zum Roman wird im Film Fagin zwar nie als Jude bezeichnet, doch mit mächtiger Hakennase, langem Bart und vor allem mit Fokussierung auf seiner Habgier und seiner Hinterhältigkeit werden antisemitische Klischees bedient. Erfunden hat Lean dieses Bild Fagins freilich nicht, sondern folgt hier Dickens, dennoch scheint diese Originaltreue ausgesprochen fragwürdig.


In den USA kam es zu heftigen Diskussionen, in Israel wurde der Film wegen des Vorwurfs des Antisemitismus verboten. Dass man dies freilich auch ganz anders sehen konnte, zeigt das Beispiel Ägypten, wo "Oliver Twist" mit einem Aufführungsverbot belegt wurde, weil der Jude Fagin zu sympathisch gezeichnet werde, und in Deutschland kam es zu Tumulten und einer Kürzung des Films um rund 20 Minuten.


Die bei Pidax Film erschienenen Blu-ray und DVD bieten die deutsche Kurzfassung und die Langfassung, in der die zensurierten Passagen in englischem Originalton mit deutschen Untertiteln enthalten sind. Klar wird so sichtbar, wie antisemitische Passagen mit Großaufnahmen von Fagin, in denen er beispielsweise seine Schatztruhe begutachtet, herausgeschnitten wurden.


Schwer tut man sich mit dieser Charakterisierung von Fagin, der von dem jungen, hinter der Maske nicht erkennbaren Alec Guinness gespielt wird, doch jenseits davon besticht diese Literaturverfilmung immer noch durch seine visuelle Gestaltung und atmosphärische Dichte. Fulminant ist hier schon die etwa fünfminütige, fast wortlose Exposition, in der eine junge Frau durch zunehmend von einem Sturm gepeitschte Moorlandschaft läuft, ehe sie ein Armenhaus erreicht.


Unheilvolle, düstere Schwarzweißbilder gelingen hier Kameramann Guy Green, die durch das Production Design von John Bryan mit knorrigen, abgestorbenen Ästen und dunklen Wolken noch gesteigert werden. Eindrücklich vermittelt Lean in der Folge auch die Herzlosigkeit im Waisenhaus und beim Bestatter, bei dem der kleine Oliver bald eine Lehrstelle antritt. Voll Empathie ist sein Blick auf die Kinder, deren Hunger und Hilflosigkeit vom Schlemmen und der Macht der Oberschicht kontrastiert werden.


Mit Inserts und kurzem Off-Kommentar rafft Lean die Handlung, wenn Oliver aus diesen bedrückenden Verhältnissen in die Großstadt London flieht, wo er in die Fänge von Fagin gerät. Auch hier werden atmosphärisch dicht mit Bauten und Kamerablicken in enge Gassen und langen Schatten, die an den deutschen Expressionismus erinnern, die bedrückenden Verhältnisse evoziert.


Die ganze Wirkung entfaltet diese Schilderung von Ausbeutung und Gefühlskälte freilich erst durch die Kontrastierung mit der Aufnahme Olivers bei Mr. Brownlow, bei dem er erstmals Empathie und Fürsorge erfährt. Perfekt stellt Lean dabei auch dem engen und schmutzigen Lager in einem Dachgeschoss das helle und geräumige Stadthaus von Mr. Brownlow gegenüber.


Production-Design, Kamera und markante Typenzeichnung von Oliver Twist über die geldgierigen Betreiber des Waisenhauses und den Verbrecher Sykes bis zum gütigen Mr. Brownlow sind die Basis für Leans perfekt getimten Handlungsaufbau. Früh und zunehmend deutlicher wird so auch ein Geheimnis um die Herkunft von Olivers Mutter angedeutet, das aber erst spät gelüftet wird. Dicht und stringent erzählt der Brite, sodass sein Film auch nach 72 Jahren kaum Staub angesetzt hat, sondern – die Charakterisierung Fagins ausgeklammert – zeitlos wirkt.


Die bei Pidax-Film erschienenen DVD und Blu-ray, für die Bild und Ton neu abgetastet wurden, verfügen über die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Auf den zwei DVD bzw. der einen Blu-ray werden – wie schon erwähnt – die gekürzte deutsche Fassung und die Langfassung angeboten. Die Extras umfassen neben einer Trailershow und dem Kinotrailer die etwa 25-minütige, deutsch untertitelte Dokumentation "A Profile of Oliver Twist", die Einblick in die Entstehung des Films bietet, sowie einen Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne, mit einem Text von Frank Biede zu den Kürzungen und zur Restauration dieses Klassikers.

Trailer zu "Oliver Twist"