• Walter Gasperi

Nowhere Special


Getragen von den beiden großartigen Hauptdarstellern James Norton und Daniel Lamont erzählt Uberto Pasolini feinfühlig und zurückhaltend eine herzerreißende Vater-Sohn-Geschichte um einen todkranken Fensterputzer, der für seinen vierjährigen Sohn noch die perfekten Adoptiveltern finden möchte.


Ein berührendes Kleinod gelang dem vor allem in England arbeitenden italienischen Produzenten Uberto Pasolini vor acht Jahren mit seinem zweiten Spielfilm "Still Life - Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" (2013). Wie sich Pasolini, der mit dem legendären Pier Paolo Pasolini nicht verwandt ist, bei dieser Geschichte um einen Beamten, der sich um die Bestattung vereinsamter Verstorbener kümmert, von einer Zeitungsnotiz inspirieren ließ, liegt auch "Nowhere Special" eine wahre Begebenheit zugrunde.


Doch ob wahre Begebenheit oder erfunden spielt im Grunde so wenig eine Rolle wie dass der Film in Nordirland spielt. Denn nicht von irgendwelchen Fakten, sondern von der Sensibilität, der Zärtlichkeit und tiefen Menschlichkeit, mit der Pasolini, der auch für Drehbuch und Produktion verantwortlich zeichnet, lebt dieser kleine große Film um den todkranken 34-jährigen Fensterputzer John (James Norton) und seinen vierjährigen Sohn Michael (Daniel Lamont).


Wie John von Berufs wegen in der Auftaktszene in fremde Wohnungen und fremde Familien blickt, wird er bald mit Michael mit einer Mitarbeiterin des Jugendamts verschiedene Paare und Familien, die ein Kind adoptieren wollen, aufsuchen. Wie liebevoll sich der alleinerziehende Vater, dessen Partnerin ihn und das Baby kurz nach der Geburt verließ, um seinen Sohn kümmert, wie innig ihr Verhältnis ist, wird spürbar, wenn John Michael badet, seine Haare auf Läuse untersucht und ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest.


Auf Erklärungen verzichtet Pasolini, er beschränkt sich auf die ebenso zurückhaltende wie langsame und sorgfältige Entwicklung der Handlung und setzt auch Musik nur sehr reduziert ein. Bald wird aber klar, dass John todkrank ist, Michael kann er darüber aber nicht erzählen. Wie Sarah Polley als todkranke Ehefrau und Mutter in Isabel Coixets "My Life Without Me" noch eine ideale Gattin und Mutter für ihren Mann und ihre Kinder finden wollte, so will John für Michael die optimale Adoptivfamilie finden.


Ganz selbstverständlich und ohne etwas groß zu betonen führt Pasolini so ganz unterschiedliche Familiensituationen vor. Der Bogen spannt sich vom reichen Paar mit Haus und englischem Rasen, das schon davon spricht Michael auf ein renommiertes Internat zu schicken, über eine kleinbürgerliche Familie, die Erfahrung mit Pflegekindern hat, bis zu einer alleinstehenden jungen Frau, die nie darüber hinweggekommen ist, dass ihr das Kind, das sie als Teenager gebar, weggenommen wurde.


Vorhersehbar ist, für welche Eltern sich John schließlich entscheiden wird, doch das stört nicht, denn im Zentrum steht die Beziehung zwischen Vater und Sohn mit dem langsamen Abschiednehmen, dem behutsamen Konfrontieren des Kindes mit der unerbittlichen Gewissheit des Todes und der Sorge des Vaters um die Zukunft seines kleinen Jungen.


Getragen wird so ein Film immer von seinen Schauspielern und Großartiges leisten hier James Norton und Daniel Lamont. Mit großer Zurückhaltung und Gefasstheit spielt Norton diesen Fensterputzer und lässt doch vor allem in seinem Blick und seinen Augen immer die Trauer über den nahen Tod spüren, bis sich seine Wut in Tritten gegen das Auto entlädt. Der kleine Daniel Lamont vermittelt dagegen eindrücklich die Entwicklung vom unwissenden Kind, das nicht versteht, wieso stets neue Familien besucht werden, zur langsamen Erkenntnis, dass sein Vater sterben wird.


Dass dieses leise Drama eine herzzerreißende Kraft entwickelt, die einem die Tränen in die Augen treibt, liegt aber auch an der ebenso unaufdringlichen wie präzisen Verankerung im sozialen Milieu und seiner trefflichen Bildsprache. Haften bleiben so einerseits die im Grunde einfachen Bilder durch ihre kräftigen Farben wie Johns roter und Michaels gelber Jacke, andererseits wird in der Gegenüberstellung des im Heim aufgewachsenen Fensterputzers und der Oberschichtpaare oder eines reichen Kunden, der ihn beschimpft, ein großes soziale Gefälle sichtbar.


Umgekehrt proportional zu materiellem Besitz und sozialem Status verhalten sich dabei Menschlichkeit und Emotionalität. Denn während Johns zentrale Eigenschaft seine Empathie ist, steht bei den Oberschichtpaaren immer ihr Reichtum und ihr sozialer Status im Zentrum, während sie Emotionen völlig vermissen lassen. - Klischeehaft mag diese Gegenüberstellung sein, wirkungsvoll ist sie dennoch.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und am 14.8. Open Air beim Filmfest des Skino Schaan


Trailer zu "Nowhere Special"