• Walter Gasperi

Nobody Has to Know


Vor der großartigen Kulisse der nordschottischen Isle of Lewis erzählt Bouli Lanners eine melancholische Liebesgeschichte zwischen zwei auf die 60 zugehenden Außenseitern. – Ein sanfter und bildschöner, von Menschenliebe durchzogener Film über Erinnerung, spätes Glück, die Schönheit und die Flüchtigkeit des Lebens.


Majestätisch ist der Auftakt mit einer fast schwarzen Einstellung mit dunklen Feldern im Vordergrund, Seen in der Mitte und Hügeln im Hintergrund. Wenn mit einer Abfolge von Totalen dieser kargen, aber bildschönen Landschaft der nordschottischen Isle of Lewis die Bilder langsam heller werden und die Nacht in den Tag übergeht, dann verweist das auch schon auf die Entwicklung der ProtagonistInnen, von der der Belgier Bouli Lanners erzählt.


Aus unbekannten Gründen ist der bullige Phil (Bouli Lanners) aus seiner Heimat Belgien in diese abgelegene Gegend gezogen. Hier wohnt er abgeschieden in einem Haus und hilft auf einer Farm beim Reparieren der Schafzäune. Ein Außenseiter ist er aber in der presbyterianischen Community, denn mit Religion hat er nichts am Hut, verzichtet nicht nur auf den sonntäglichen Messgang, sondern hinterfragt auch die Traditionen.


Die sinnesfeindlichen Predigten mit Betonung von Sünde, Kreuz und Tod scheinen auch die Endfünfzigerin Millie (Michelle Fairley) geprägt zu haben. Den wenig freundlichen Spitznamen "Eiskönigin" haben ihr die Dorfbewohner gegeben, da sie sehr reserviert gegenüber Männern auftritt und nicht verheiratet ist. Doch als Phil nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, erkundigt sich Millie nach seinem Befinden.


Meisterhaft verknappt ist diese knapp zehnminütige Exposition, nach der erst der Titel folgt. Prägnant werden nicht nur die beiden Protagonist*innen vorgestellt, sondern auch das Milieu - und vor allem die großartige Landschaft.


Nach Phils Entlassung aus dem Krankenhaus wird Millie dessen Gedächtnisverlust nützen, um ihm zu erzählen, dass sie im Geheimen ein Liebespaar waren. Tatsächlich kommen die beiden so zusammen, doch ständig muss Millie befürchten, dass Phils Erinnerung zurückkehrt und er die Lüge erkennt.


Voll Liebe blickt Bouli Lanners, der auch Phil spielt, auf seine Figuren. Einfühlsam vermittelt er Phils Desorientierung, wenn dieser vor dem Spiegel seine Tattoos betrachtet und er sich deren Sinn nicht mehr erklären kann. Großartig macht aber auch Michelle Fairley die Sehnsucht Millies erfahrbar. Agiert sie zuerst verhärmt und todernst, blüht sie durch die Liebe zu Phil langsam auf und nimmt es auch mit ihren Terminen als Angestellte einer Immobilienfirma nicht mehr so genau.


Auf große Liebesszenen verzichtet Lanners dabei weitgehend, sondern bleibt in der Inszenierung ebenso wunderbar zurückhaltend wie seine Hauptdarsteller*innen. Lange im Dunkeln lässt er auch, wieso Phil Belgien verlassen und keinen Kontakt zu seinem Bruder hat.


Langsam und ruhig entwickelt Lanners die Handlung, lässt nicht nur seinen beiden Hauptdarsteller*innen Raum und Zeit, sondern bettet sie auch durchgängig bestechend in die Landschaft ein. Man spürt, dass der Belgier ein Faible für diese Gegend hat, denn immer wieder feiert die Kamera von Frank van Den Eeden in großen Totalen die weiten brauen Felder, den hohen, wolkenverhangenen Himmel oder die Sandküste.


Nie werden diese Landschaftsbilder aber selbstzweckhaft, sondern stehen immer im Dienst der Handlung. Große Bildkraft entwickelt "Nobody Has to Know" dabei auch durch die überlegte Farbdramaturgie. Dunkle, vor allem schwarze Kleidung bestimmt so die presbyterianische Gemeinde, Erdfarben, vor allem Braun, bestimmt dagegen die Landschaft.

Bei aller spürbaren Rauheit dieser kargen Gegend, die in einem Bad Phils im eiskalten Meer am deutlichsten bewusst wird, strahlen so die Bilder doch immer Wärme aus, die den zutiefst menschenfreundlichen und warmherzigen Grundton dieses sanft-melancholischen Liebesfilms perfekt unterstützt.


Unaufdringlich stellt Lanners den strengen Regeln der religiösen Community die Sehnsucht nach persönlichem Glück und die Erfüllung in der Liebe gegenüber. Nicht nur Phils Schlaganfall, sondern auch ein Begräbnis erinnern dabei auch an die Vergänglichkeit und die Notwendigkeit im Augenblick zu leben.


Gleichzeitig macht das Alter der beiden Protagonist*innen aber auch deutlich, dass es dafür nie zu spät ist, und so steht am Ende auch ein Aufbruch Millies. Denn mag auch lange Phil im Zentrum stehen und aus seiner Perspektive erzählt werden, so bietet "Nobody Has to Know" doch auch ein starkes Porträt einer Frau, die langsam lernt sich aus gesellschaftlich vorgegebenen und längst verinnerlichten Zwängen zu befreien und ihren eigenen Weg zu gehen.


Nobody Has to Know Frankreich / Belgien / Großbritannien 2021 Regie: Bouli Lanners mit: Bouli Lanners, Michelle Fairley, Andrew Still, Julian Glover, Cal MacAninch, Ainsley Jordan, Clovis Cornillac, Therese Bradley Länge: 99 min.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Nobody Has to Know"