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  • AutorenbildWalter Gasperi

No Bears


Der Iraner Jafar Panahi verwebt in seinem beim Filmfestival von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichneten Spielfilm seine reale Situation als Filmemacher mit Arbeitsverbot mit zwei Liebesgeschichten zu einer dichten und beklemmenden Reflexion über das Leben und künstlerisches Schaffen in repressiven Verhältnissen.


2010 wurde Jafar Panahi wegen "Propaganda gegen das Regime" zu einer sechsjährigen Haftstrafe und 20-jährigem Berufsverbot verurteilt. Gegen Kaution wurde er zwar freigelassen, wurde aber mit Ausreiseverbot belegt und im Sommer 2022 wiederum festgenommen, um die Haftstrafe anzutreten. Erst nach einem Hungerstreik wurde er im Februar 2023 auf Kaution aus dem berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis entlassen.


Trotz dieser drastischen Beschränkungen gelang es Panahi in den letzten 13 Jahren fünf Filme zu drehen und diese außer Landes zu schmuggeln. Immer wieder reflektiert er darin von "This Is Not a Film" (2011) über "Pardé" (2013) bis zum Berlinale-Sieger "Taxi Teheran" (2015) und "Drei Gesichter – Se Rokh" (2018) seine eigene Situation als mit Arbeitsverbot belegter Filmemacher und das repressive Klima im Iran.


Wie in diesen Filmen spielt Panahi auch in "No Bears" selbst die Hauptrolle. Von Teheran hat er sich in ein abgelegenes Dorf an der iranisch-türkischen Grenze zurückgezogen. Von seinem Zimmer aus koordiniert er via Skype die Dreharbeiten an einem Spielfilm, der in der nahen Türkei gedreht wird. Mit dem Ruf "Cut" entpuppt sich dabei die Eröffnungsszene nicht nur als Filmszene, sondern mit einer Kamerarückwärtsfahrt wird auch klar, dass der Regisseur Panahi dieser Filmszene nur via Laptop folgt. Nachts trifft er sich dann heimlich an abgelegenen Orten mit seinem Assistenten, der ihm die Festplatten mit den Aufnahmen übergibt.


Im Zentrum des Films-im-Film steht ein Liebespaar, das plant das diktatorisch regierte Land zu verlassen. Doch vorerst gibt es nur für die Frau einen gefälschten Pass, den Mann müsste sie im Iran zurücklassen. Fiktion und Realität fließen dabei ineinander, wenn die Schauspielerin aus der Rolle springt und direkt in die Kamera zu Panahi über ihre Erfahrungen von Haft und Folter berichtet.


Wie in diesen Film-im-Film-Szenen der staatliche Druck in der Stadt spürbar wird, so wird Panahi aber auch im Dorf mit gesellschaftlichem Druck konfrontiert. Scheint der unbequeme Filmemacher hier zunächst von seinem Vermieter bestens umsorgt zu werden, so tauchen bald die Dorfältesten und schließlich der Dorfvorsteher auf, die auf die Herausgabe eines Fotos drängen. Denn sie vermuten, dass der Gast ein Liebespaar fotografiert hat, das es eigentlich nicht geben darf, denn die Frau wurde im Rahmen eines traditionellen Rituals schon bei ihrer Geburt einem anderen Mann versprochen. Mit diesem Foto, dessen Existenz offen bleibt, fragt Panahi freilich auch nach der Aufgabe des Künstlers und der Rolle von Bildern.


Panahis filmische Mittel sind im Grunde einfach. Auf Filmmusik verzichtet er, quasidokumentarisch wirkt sein Film in den Dorfszenen, in denen er seinen Figuren in langen Plansequenzen immer wieder viel Raum und Zeit lässt. Doch einerseits ist durch ihn selbst als Hauptdarsteller immer die autobiographische Komponente spürbar und anderseits verdichtet sich durch die Verschränkung der Filmdreharbeiten und der Dorfgeschichte "No Bears" zu einem beklemmenden Bild der Repression und Unterdrückung.


Wie die staatlichen Behörden in der Stadt Druck auf die Menschen ausüben und ihre Freiheit einschränken, so sind es auf dem Land Aberglaube und Traditionen, deren Sinn selbst die Einheimischen längst vergessen haben. Und wie man mit dem Hinweis auf Bären, die es in Wahrheit in der Region gar nicht gibt, die Menschen in Angst und Abhängigkeit halten kann, so auch mit dem Hinweis auf Vorschriften und Regeln.


Mit rationalen Elementen kommt der Filmemacher Panahi dagegen nicht an. Sukzessive wird der Druck auf ihn erhöht, bis auch der Vermieter sei es auf tatsächliche oder nur vorgeschobene Weisung der Polizei oder der Revolutionsgarden ihn zur Abreise drängt.


Wie in Panahis vorigen Filmen fehlt auch hier Humor nicht, doch grimmiger und bitterer ist dieser und insgesamt ist "No Bears" deutlich pessimistischer als beispielsweise "Taxi Teheran". Nichts scheint der Künstler unter diesen Verhältnissen ausrichten zu können, tatenlos muss er abreisen und keine Chance hat in diesem repressiven gesellschaftlichen Klima die Liebe.


No Bears Iran 2022 Regie: Jafar Panahi mit: Jafar Panahi, Naser Hashemi, Vahid Mobasheri, Bakhtiyar Panjeei, Mina Kavani, Narges Delaram, Reza Heydari Länge: 106 min.



Läuft jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "No Bears"



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