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  • AutorenbildWalter Gasperi

Next Goal Wins

Die Fußballmannschaft der Südseeinsel Amerikanisch-Samoa galt nach einer 31:0-Niederlage gegen Australien als schlechteste Nationalmannschaft der Welt. Ein westlicher Trainer sollte dies ändern. – Taika Waititi inszeniert eine klassische Underdog-Geschichte vor malerischem Pazifikambiente, der es aber trotz des liebevoll-ironischen Blicks auf Figuren und Inseltraditionen an Ecken und Eigenheiten fehlt.


In die Schlagzeilen kam die Fußballnationalmannschaft der knapp 50.000 Einwohner:innen zählenden Pazifikinsel Amerikanisch-Samoa, als sie 2001 mit 31:0 gegen Australien die höchste Niederlage einer Nationalmannschaft in einem Länderspiel bezog. Zehn Jahre später übernahm der niederländische Trainer Thomas Rongen die Mannschaft, um mit ihr in der Qualifikation für die WM 2014 wenigstens endlich einmal ein Tor zu erzielen und vielleicht sogar die Qualifikation zu schaffen.


Schon 2014 entstand darüber der britische Dokumentarfilm "Next Goal Wins – Das Spiel ihres Lebens", der nun "Jojo Rabbit"-Regisseur Taika Waititi als Grundlage für seinen Spielfilm diente. Dass sich der Film dabei nicht exakt an die Fakten hält, macht schon die direkt in die Kamera gesprochene Einleitung des von Waititi selbst gespielten Priesters der Insel deutlich.


Authentizität wird aber andererseits mit Archivmaterial von der berüchtigten Niederlage gegen Australien erzeugt, die den amerikanisch-samoanischen Fußballpräsidenten Tavita (Oscar Kightley) motiviert, endlich eine Änderung herbeizuführen. Nach einer neuerlichen Klatsche entlässt er den viel zu sanften Trainer und schreibt die Stelle international aus.


Freiwillige Bewerbungen bleiben aus, doch der amerikanische Fußballverband bietet dem gebürtigen Niederländer Thomas Rongen (Michael Fassbender), der durch seine Wutausbrüche in der amerikanischen Liga nicht mehr tragbar ist, diesen Job als letzte Option an.


Wie hier bei Rongens Reaktion auf diese Botschaft die fünf Phasen der Trauer durchgespielt werden, hat ebenso Witz wie der Blick auf die sanfte Inselbevölkerung, die nie laut wird, immer nett miteinander umgeht und alles stehen und liegen lässt, wenn der Gong zur Gebetsstunde ruft. Hektik gibt es hier keine, Autos fahren nur unter 30km/h, aber jeder übt mehrere Jobs aus wie der Fußballpräsident, der daneben unter anderem noch Restaurantbesitzer ist.


Culture Clash ist mit dem Aufeinandertreffen der Insulaner und des weißen Trainers vorprogrammiert. Andere Sitten will er beim Training aufziehen, immer wieder kommt es zu Reibungen, aber langsam findet er auch Gefallen am Lebensrhythmus der Insel.


Wenn dabei dem Einsatz und dem Siegeswillen, den Rongen fordert, die Gelassenheit der Insulaner gegenübergestellt wird, ist dies auch als Kritik am leistungsorientierten westlichen Lebensstil zu lesen. Denn wie in jedem Sportfilm geht es im Kern letztlich nicht um den Sport an sich, auch wenn die Handlung in ein Spiel mündet, in dem sich der Underdog beweisen muss, sondern um das Lebensglück.


Mehr als die Spieler verändert sich so durch diesen Südseeaufenthalt Rongen, hinter dessen Wut schließlich auch eine traumatische Erfahrung sichtbar wird. Erst durch die Arbeit mit der Mannschaft, die er einerseits zu einem Team formt, der er andererseits aber schließlich auch mitgibt, dass man nicht über Kampf, sondern über Lockerheit zum Sieg kommt, wird er lernen sich dieser Wut zu stellen und sie zu verarbeiten, und so auch zu einem gelösten und glücklichen Menschen werden.


Grundsolide ist das inszeniert, versprüht mit dem in warme Farben getauchten, sommerlichen Inselambiente Urlaubsstimmung und bereitet Vergnügen mit der ironischen, aber warmherzigen Zeichnung der Nebenfiguren wie des Fußballpräsidenten und der Schilderung der Traditionen des Inselstaates. Wie mit der lebensfrohen und stets optimistischen Bevölkerung wird auch mit der ganz selbstverständlichen Akzeptanz der Transfrau – oder samoanisch Faʻafafine - Jaiyah Saelua (Kaimana) dem westlichen Kinopublikum eine Kultur und eine Welt präsentiert, von der man hinsichtlich Lebensglück und Toleranz einiges lernen kann.


Weder an der Haltung noch an der Inszenierung kann man so viel kritisieren. Wort- und Situationskomik sorgen durchgängig für Unterhaltung, andererseits bewegt sich diese Loser-Geschichte aber auch in gewohnten Bahnen. Einfallsreichtum ist Mangelware und auch Pfiff und Überraschungen, die dafür sorgen könnten, dass diese Sportkomödie über das Filmende hinaus haften bleibt, sucht man vergebens.

 

  

Next Goal Wins USA / Großbritannien 2023 Regie: Taika Waititi mit: Michael Fassbender, Elisabeth Moss, Oscar Kightley, Kaimana, David Fane, Beulah Koale, Lehi Falepapalangi Länge: 105 min.



Läuft ab Donnerstag, 4.1. in den Kinos


Trailer zu "Next Goal Wins"




 

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